„Als ausgebildeter Therapeut weiß ich, dass Kindsbelästigung eine zwanghafte Krankheit ist, die nach Wiederholung verlangt. Meine Schwester Dylan war mit Woody unzählige Male allein, und es gab nie einen Hinweis auf unangebrachtes Verhalten, und dann soll einer mit 56 auf einmal beschlossen haben, im Beisein einer wachsamen, ja feindlich gesinnten Familie seine Tochter zu missbrauchen."
image_pdfimage_print

Los Angeles. Es scheint in Hollywood in Mode gekommen zu sein, dass Personen sich plötzlich ihrer jahrzehntealten Vergangenheit erinnern und dann feststellen, dass sie mal irgendwo von irgendwem sexuell belästigt wurden. Es fing mit Harvey Weinstein richtig an, als Schauspielkolleginnen begannen, uralte „Sex-Geschichten“ auszupacken und ihn damit belasten wollten. Sogar von mehrfacher Vergewaltigung ist die Rede. Auch Dustin Hoffmann mußte sich zwischenzeitlich mit den Vorwürfen gegen ihn wegen sexueller Übergriffe auseinandersetzen. Und nun ist der berühmte Regisseur Woody Allen an der Reihe, der angeblich vor 25 Jahren!! seine Adoptivtochter missbraucht haben soll.

Es fällt schwer, sich das vorzustellen: Ein 56-jähriger, schmaler Mann mit Hornbrille in Hemd und Cordhose steigt mit einem siebenjährigen Mädchen auf den Dachboden eines Hauses. Er sagt, sie solle sich auf den Bauch legen, er schiebt ihr das Kleid hoch … Eine Etage tiefer ist viel los, fünf tobende Kinder, zwei Kindermädchen, der Fernseher läuft. War es so? Oder kann es so nicht gewesen sein?  Der Mann mit der Brille soll Woody Allen gewesen sein, das siebenjährige Mädchen seine adoptierte Tochter Dylan. Und ein damals 14-jähriger Junge, ebenfalls adoptiert, Moses, war dabei, im Zimmer, an der Treppe, die ganze Zeit. Und er sagt heute: Es war nicht so. Damit geht ein jahrelanges Familiendrama weiter, bei dem wie mit Spatenstichen ein immer tieferer und schwer erträglicher Morast ausgegraben wird. Ein Drama, das seinen Anfang nahm vor knapp 26 Jahren, an einem warmen, sonnigen Tag in Bridgewater, Connecticut, in unserem Landhaus, Frog Hollow“, wie Moses Farrow in der vergangenen Woche seine öffentliche Erinnerung einleitete.

Es ist die Erinnerung an den 4. August  1992, an den Tag und das angebliche Geschehen, das den Ruf des Regisseurs, Autors und weltberühmten Comedians Woody Allen bis heute beschädigt, für viele auch zerstört hat. Allen ist seitdem mit dem Verdacht beschattet, ein Kinderschänder zu sein.

Wenige Tage danach soll sich Dylan, die Tochter von Allens damaliger Lebensgefährtin Mia Farrow, offenbart haben: Allen habe sie auf dem Dachboden des Hauses missbraucht. Sie habe dabei auf dem Bauch gelegen und zusehen müssen, wie eine Spielzeugeisenbahn ihre Runden drehte. Woody Allen war Besucher im Landhaus, er war damals schon getrennt von Mia Farrow, er hatte sich in deren Adoptivtochter   Soon-Yi verliebt, was Farrow so wütend machte, dass sie Allen nur noch „das Monster“ nannte; den „Vater, der meine Schwester fickt“, wie es der fünfjährige Satchel den  Kindermädchen erzählte. Was dann folgte, war eine Schlammschlacht. Polizei und Staatsanwaltschaft  ermittelten, Mia Farrow verbannte das   „Monster“ aus der Familie, vor Gericht verlor Allen das gemeinsame Sorgerecht. Später aber wurde er, nach zweimaligen Untersuchungen, vom Vorwurf des Missbrauchs entlastet. 2014 beschuldigte Dylan Farrow ihren Adoptivvater in einem offenen Brief erneut des Missbrauchs und fragte darin die Schauspielerin Cate Blanchett: „Was wäre, wenn es Ihre Tochter gewesen wäre?“ 2017   klagte sie in furiosen Worten Hollywood  an, in der #MeToo-Diskussion zwar einen  Harvey Weinstein zu verdammen, aber  weiterhin mit Woody Allen zu arbeiten, ihn  sogar zu feiern. Und nun das. Moses Farrow, der Junge, den m an aus alten Familienbildern als den kleinen adoptierten Koreaner mit der Eulen-Brille kennt, war an diesem 2. August die ganze Zeit dabei, wie er sagt: „Als der ,Mann im Haus hatte ich versprochen, auf alles ein Auge zu haben. Ich weiß noch genau, dass Woody vor dem Fernseher saß und wo genau Dylan und mein Bruder  im Jahr 2000 eine Überdosis Schlaftabletten. Mia  Farrow sagte hinterher, es sei ein tragischer Unfall gewesen, Tam, die blind war, habe aus Versehen zu viele Tabletten genommen. „Blindheit heißt ja nicht, dass man nicht zählen kann“, so Moses Farrow. Außerdem habe sein Bruder Thaddeus den Selbstmord bezeugt, kann das  heute aber nichtmehrwiederholen, weil er sich2016 in seinem Auto in der Nähe des Hauses seiner Mutter erschoss.

Lakonisch fasst der Farrow-Sohn seine Kindheit zusammen: „Es war kein glückliches Zuhause. Und auch kein gesundes.“ Natürlich ist diese-Beschreibung der psychischen Umgebung kein Beweis dafür, dass  die angebliche Tat nicht stattgefunden hat. Es ist nur so: Einen Beweis, dass es tatsächlich passiert ist, gibt es bislang nicht. Nur die Aussagen von Dylan Farrow, aufgenommen und moderiert von Mia Farrow. Juristisch sind Mutter und Tochter am Ende aller Möglichkeiten angekommen, zwei unabhängige Untersuchungen haben Woody Allen entlastet.

Twitter-Hysterie

Dennoch ist der Verdacht ,dieser „Vielleicht war doch was“-Appendix geblieben. Er wurde in der #MeToo-Diskussion wieder neu befeuert. Allen steht mittlerweile in einer Reihe mit Weinstein, Roman Polanski und Bill Cosby. Und die sonst pfeilschnellen Hollywood-Alarmisten, die aufgerufen hatten, Allens Filme im Kino zu boykottieren? Sie schweigen bislang nach den Worten von Moses Farrow. Auch von der Schauspielerin Greta Gerwig, die sagte, sie werde nicht wieder mit Woody Allen arbeiten, ist nichts zu hören.

Moses Farrow schreibt: „Ihr habt euch so beeilt, im Chor der Richter zu sein, aus Angst, nicht auf der richtigen Seite einer Bewegung zu stehen-Aber anstatt zu einer Twitter-Hysterie beizutragen, solltet ihr bedenken, was ich sage. Denn ich war dabei — im Haus und im Zimmer. Es ist bemerkenswert, dass drei Kinder aus der Farrow/Allen-Familie in der #MeToo-Debatte eine Rolle spielen. Dylan Farrow als Anklägerin, Satchel Farrow, der sich heute Ronan nennt, als Reporter, der den Weinstein-Skandal enthüllte, und nun Moses Farrow. Der Graben geht mitten durch sie hindurch: Dylan und Ronan reden nicht mit Woody Allen, Moses Farrow hat keinen Kontakt zu den beiden und zu seiner Mutter, er steht in Verbindung zu Allen — eine Ruine, die mal eine Familie war.

Am Ende macht Moses Farrow, heute 40, noch eine Anmerkung. Es ist ein fachlicher Einwurf. Im Zuge von #MeToo seien viele Täter genannt und entlarvt worden, unzählige Klagen und Geschichten seien ans Licht gekommen, die meisten Genannten seien Mehrfachtäter. Woody Allen ist in den 60 Jahren seines öffentlichen  Lebens einmal angeklagt und freigesprochen worden.

„Als ausgebildeter Therapeut weiß ich, dass Kindsbelästigung eine zwanghafte Krankheit ist, die nach Wiederholung verlangt. Meine Schwester Dylan war mit Woody unzählige Male allein, und es gab nie einen Hinweis auf unangebrachtes Verhalten, und dann soll einer mit 56 auf einmal beschlossen haben, im Beisein einer wachsamen, ja feindlich gesinnten Familie seine Tochter zu missbrauchen.“ Wie die Schlacht nun weitergeht? Wenn. es nach Moses Farrow ginge, gar nicht. „Nach dieser ganzen Zeit: Genug ist genug“, richtet er seiner Mutter Mia Farrow aus. „Du und ich kennen die Wahrheit. Und es ist Zeit, diesen Rachefeldzug zu beenden.“

Kommentieren Sie den Artikel

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.