Und während der Finanzsektor die ganze Aufmerksamkeit der staatlichen Institutionen genießt, ist sein Beitrag zum gesellschaftlichen Wohlergehen höchst zweifelhaft.
image_pdfimage_print

Brüssel. Als vor neun Jahren die Finanzkrise die Weltwirtschaft erdrosselte, schlich sich eine neue Floskel in die Managersprache: „the new normal“. Die neue Normalität stand für weniger Wachstum und niedrigere Gewinne. Nüchterne Zeiten also.

Die Nüchternheit hielt nicht lange an. Zwar sind die Banken heute strikter reguliert als damals. Aber von Zurückhaltung ist nichts zu spüren. Die Gewinne sind hoch, die Kurse noch höher als früher: Aktien und Anleihen sind so teuer wie noch nie, rechnen Analysten der Deutschen Bank vor. Und auch die Immobilienpreise haben vielerorts historische Dimensionen gesprengt.

Nein, normal ist das alles nicht. Denn die Kehrseite der hohen Bewertungen sind enorme Verbindlichkeiten. Die Welt schiebt einen gigantischen Schuldenberg vor sich her: 140 Billionen Dollar, 40 Prozent mehr als vor zehn Jahren. In China schwillt eine Kreditblase an, gegen die das Subprime-Konstrukt ein Seifenbläschen war.

SEIT DEN 70ER JAHREN breitet sich das Paradigma der Schuldenwirtschaft immer weiter aus. Was in den USA begann, hat sich längst zu einem weltweiten Finanzzyklus ausgewachsen, dessen Ausschläge ständig größer werden. Das bedeutet: Crash- sowie Boomphasen werden heftiger.

Solange die Welt gefangen ist in der Logik dieses schuldengetriebenen Wachstums, muss die Dosis immer weiter erhöht werden. Früher genügten ein paar Konjunkturpakete und Zinssenkungen, um das Spiel am Laufen zu halten. Inzwischen müssen die Notenbanken Billionen in den Ankauf von Wertpapieren stecken („quantitative easing“), um überhaupt noch eine Wirkung zu erzielen. Bei der nächsten Rezession werden die Währungshüter gezwungen sein, noch stärker einzugreifen – weil sonst viele Staaten schlicht und einfach pleitegehen.

Das Surfen auf der Kreditwelle ist mit hohen Kosten verbunden. Die aufgeputschte Finanzwirtschaft steht einer nur schwach investierenden Realwirtschaft gegenüber. Auf der einen Seite explodieren die Vermögen, auf der anderen Seite lahmen die Löhne. Und während der Finanzsektor die ganze Aufmerksamkeit der staatlichen Institutionen genießt, ist sein Beitrag zum gesellschaftlichen Wohlergehen höchst zweifelhaft. Ein Nährboden, auf dem Revolutionen gedeihen. Der Aufstieg der Populisten darf daher auch als Spätfolge der Finanzkrise gesehen werden.

WIE ALSO WEITER?

Ein Arbeitspapier des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat vor einigen Jahren einen radikalen Vorschlag aufgegriffen: Die Staaten sollten zu einem „Vollgeld“-System („sovereign money“) übergehen. Banken und Schattenbanken dürften dann nur noch so viele Kredite vergeben, wie sie Bargeld und Zentralbankguthaben besitzen. Heute kreieren sie jedes Mal Geld, wenn sie einem Kunden ein Guthaben auf seinem Konto zur Verfügung stellen, dem sie zuvor einen Kredit gewährt haben. Im Vollgeldsystem wäre es damit vorbei. Der Staat würde die Kontrolle über das Geldwesen erlangen, der private Finanzsektor gnadenlos geschrumpft.

Ein solches System stand schon einmal ernsthaft zur Debatte, Mitte der 30er Jahre als Reaktion auf die damalige Finanzkrise. Selbst erzliberale Ökonomen wie Milton Friedman konnten sich dafür erwärmen. Eingeführt wurde das Vollgeldsystem nie. Heute hat es noch weniger Chancen. Nicht nur, weil der Finanzsektor groß und mächtig ist, sondern auch wegen der engen internationalen Verflechtungen der Kapitalmärkte.

Die Frage, wie wir aus der Logik der Schuldenwirtschaft herauskommen, stellt sich trotzdem, drängender fast noch als nach dem Crash 1929. In den 30er Jahren wurden jede Menge Bremsen fürs private Geldgewerbe geschaffen. Bis in die 70er Jahre gab es die (mittelbare) Goldbindung der Geldpolitik, Kapitalverkehrskontrollen, ein Trennbankensystem (in den USA) und dergleichen mehr. Von derart tiefgreifenden Restriktionen sind wir, auch wenn es sich für manchen Banker anders anfühlt, weit entfernt. Der politische Druck wirdjedenfalls steigen, den sich aufschaukelnden Krisenzyklus zu dämpfen. Radikale Lösungen sind dann nicht mehr tabu. Spätestens nach dem nächsten Mega-Crash werden die Finanzmärkte an die Kette gelegt. Jedenfalls das, was dann noch davon übrig ist.

1 Kommentar

  1. „Eingeführt wurde das Vollgeld nie.“ Das stimmt so nicht. Vollgeld hat schon mal existiert – nämlich zwischen 1891 bis 1972 – jedenfalls in der Bundesverfassung der Schweiz: „Das Recht zur Ausgabe von Banknoten und andern gleichartigen Geldzeichen steht ausschliesslich dem Bunde zu.“ Buchgeld wurde zwar nebenher schon damals produziert, aber in geringerem Masse als heute. Die überschiessende Geldschöpfung wurde erst so wirklich befeuert mit dem Fortschritt der Computer und des Internets. Und 1999 bei der General-Reform der Bundesverfassung wurde die schleichende Überhandnahme des Buchgeldes pseudo-legalisiert, indem die Worte: „und andere gleichartige Geldzeichen“ klammheimlich gestrichen wurde. Sonst hätte ja jemand drauf kommen können, dass damit Buchgeld gemeint war und hätte einen Prozess gegen die private Geldherstellung gewinnen müssen. Also Vollgeld hatte sich ca. während 80 Jahren bewährt.

Kommentieren Sie den Artikel