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Thomas Pramhas Porträts und der (fehlende) Fotorealismus

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Juni 4, 2019 views253

Wien. Bisweilen erinnern Pramhas‘ Bilder an die Gemälde von Christian Schad, dem Berliner Maler der 1920er und 1930er-Jahre: Als „Maler mit dem Skalpell“ betitelt zeichnete der Erfinder der „Neuen Sachlichkeit“ vordergründig Porträts, die es jedoch in sich hatten. Die kleinen Stolperstellen, der abwesende Blick, das beieinander sitzen und doch so weit entfernt sein. Der Künstler, der seine Modelle mit kühler Sachlichkeit seziert. Das jeweilige Umfeld liefert weitere Details zu Situation, Stadt, dem damaligen Zeitgeist – und verdeutlicht dem Betrachter rückblickend die Veränderungen innerhalb der letzten 100 Jahre um die fast zeitlosen Figuren. Schads mitunter fotorealistisch anmutenden Werke mit verstärkendem oder konterkarierendem Hintergrund zieren heute die Berliner Nationalgalerie ebenso wie das Centre Georges Pompidou in Paris, das Londoner Tate Modern oder das  Kunsthaus Zürich.

„Sie gefallen mir sehr, die Gemälde von Christian Schad, auch wenn ich sie bisher nicht kannte“, bemerkt Thomas Pramhas, sein 100 Jahre späterer österreichischer Nachfolger. „Keinesfalls Vorbilder, weil ich sie noch nie gesehen habe – aber so wie dieser Künstler denke ich auch“, schwärmt er spontan, nachdem er sich einen kurzen Überblick über das Schaffen Schads verschafft hat. Auch die Werke des 53-Jährigen wirken oft seziert, mit allen Unstimmigkeiten überraschend und spontan oder versonnen aus dem prallen Leben auf die Leinwand gebracht. Denn auch Pramhas‘ Bilder spielen bei aller Ästhetik mit den kleinen Ungereimtheiten. Sehen aus wie gerade erwischt, in Gedanken versunken oder wie sich nie jemand der Kamera zeigen würde. Führen figürlich oder abstrakt Dinge zusammen, die nicht zusammen gehören. Oder eben doch. Setzen bei den meist weiblichen Figuren Frust, Erotik oder Souveränität in Szene. Und Charakter. „Eine Landschaft zu malen mag anspruchsvoll sein, ist aber nicht creative“, grenzt er seinen Realismus ab. Fotorealistische Darstellung gefiele dem Betrachter, entbehre jedoch jeglichen künstlerischen Anspruchs. „Als Künstler muss ich doch Emotionen transportieren“, leitet er direkt über zu den Ansichten des späten Pablo Picasso. Nach dessen naturalistischer Phase werden ihm zu seinem Spätwerk die Worte zugeschrieben „Ich male die Dinge, wie ich sie denke, nicht wie ich sie sehe“.

„Außer dem Porträt muss in jede Darstellung noch eine Idee hinein, etwas hinzu gefügt was nicht da ist aber unbedingt zum dargestellten Motiv oder der dargestellten Person gehört.“ Das kann das Logo eines Autokonzerns auf dem Ohrring ebenso sein wie ein Schnitt in den Hals. Die kleinen Überraschungen gibt‘s gratis zu den Gemälden dazu. „Das ist der Zeitbezug, das ist die Überleitung zur lebenden Welt“.