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Statt Drogen: Pilze als Rauschmittel und zur Motivation im Job

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Mai 9, 2019 views92

Die „harmlose“ Variante des Aufputschens und der Leistungssteigerung findet offenbar immer mehr Anhänger in Kreisen derer, die auch harte Drogen kennen, aber im Job lieber mit „Microdosing“ die Wirkung gering halten. Dennoch soll die Wirkung von Pilzen den Geist beflügeln. Ist da etwas dran?

Die Wunden sehen aus, als habe ihm jemand mit einem sehr dicken Eddingstift zwei pfefferkorngroße schwarze Punkte auf den Oberarm gemalt — nur ein bisschen angekokelt. Lennart Hennig sitzt noch gar nicht richtig, da schiebt er schon den Shirtärmel hoch, zeigt die Brandmale von seiner Froschgiftzeremonie gestern. Mit einem glühenden Stock wurden ihm oberflächliche Wunden zugefügt und darauf eine Substanz gestrichen, die man vom Rücken eines gereizten Riesenmakifrosches abgekratzt hatte. Er ist kurz ohnmächtig geworden, als das Froschgift in sein Lymphsystem sickerte. Dann musste er sich ausführlich übergeben. Ganz normal, sagt er.

Beim letzten Burning Man, dem Festival in der Wüste Nevadas, das mehr ein kollektiver, glitzernd-durchgeknallter Ausnahmezustand ist, bekam Hennig den Spitznamen „The Druid“ verpasst. Der steht ihm: Bei den alten Kelten waren Druiden nicht nur kräuterkundige Heiler, sondern auch Berater für die Mächtigen. Ende August fährt er wieder hin, klar. Im Gepäck diesmal: das erste Produkt seines unlängst gelaunchten Start-ups (das ebenfalls The Druid heißt), ein eigenartig geformter Anhänger, der aus rechtlichen Gründen ein heißer Anwärter auf die vageste Gebrauchsbeschreibung aller Zeiten ist, aber dazu später.

Dass Drogenkonsum im Job kein Raunen mehr auslöst, sondern so offen thematisiert wird, wie man eben über etwas sprechen kann, das gesetzlich verboten ist, liegt an einem neuen Trend: Microdosing. Darunter versteht man eine neue Art des Drogenkonsums: LSD, Pilze oder andere Psychedelika werden in so geringen Portionen eingenommen, dass sie keinen spürbaren Rausch verursachen. Von einem LSD-Plättchen, das man sich normalerweise für einen gewöhnlichen Trip auf die Zunge legen würde, schneidet man beim Microdosing nur ein Fitzelchen ab, etwa ein Zehntel, 10, maximal 20 Mikrogramm. Gerade genug, um die anregende Wirkung der Droge auszunutzen, ohne die Kontrolle zu verlieren. Kein Bums, kein Bäm. Die Erde wackelt nicht, der Geist bleibt stabil, keine fliegenden rosa Fluffkaninchen, kein hirnumstülpender Strudel, der einen in eine neue Bewusstseinsebene wirbelt. Hennig: „Wenn du etwas spürst, war es zu viel.“ Es geht darum, das tägliche Leben um ein paar kleine, aber entscheidende Nuancen zu entkrampfen, Noch sind die Ergebnisse allerdings eher anekdotischer Art, eine Sammlung von Einzelbefunden. Die britische Beckley-Stiftung, Thinktank und NGO, will deshalb jetzt die weltweit erste, groß angelegte wissenschaftliche Microdosing-Studie starten — und nicht nur untersuchen, wie sich der gezähmte Konsum auf Depressionen und Angstzustände auswirkt, sondern die Teilnehmer auch gegen eine künstliche Intelligenz im Denkspiel „Go“ antreten lassen. Selbst wenn die Studie furiose Ergebnisse einbringen sollte: Verboten bleibt LSD trotzdem erst einmal. Daher baut Hennig bei seinen Erfahrungen mit Microdosing einen Distanzpuffer in seine Worte ein: Er habe im Ausland über sein Netzwerk die Möglichkeit gehabt, mit kontrolliertem Microdosing zu experimentieren, und könne bestätigen, dass es tatsächlich helfe, im Job kreativer, unkonventioneller und erfüllter zu sein.

Acidist der Vaney-Eormore

Bis vor sechs Jahren führte Lennart Hennig in Köln ein „recht normales Leben“, wie er es nennt: Jurastudium, Job bei einem Investor, komplett eingeschnürt in eine Welt aus Gesetzen und Zahlen. Unter der Woche arbeiten und Sport treiben, am Wochenende feiern gehen, Alkohol trinken, die bürgerliche Drosselvariante von Exzess. Und immer das Gefühl: Irgendwas fehlt. Zufällig las er dann im Netz von diesem speziellen, bewusstseinsverändernden Stoff — und blieb hängen. Drogen waren für ihn immer böse, machten abhängig, waren etwas für Leute, die nicht klarkamen. Aber diese Berichte von Leuten, die DMT ausprobiert hatten, ein Halluzinogen, das die Schamanen im Amazonasgebiet seit Tausenden von Jahren für ihre Gebräue nutzten, klebten hartnäckig in seinen Gedanken: „Das klang nach tiefgründigen Erfahrungen, nicht nach wirren Drogentrips.“ Hennig recherchierte, vergrub sich in Studien und Foren. Und probierte „in verschiedenen Ländern verschiedene Substanzen“. Er experimentierte mit MDMA, DMT, LSD.

Bewusstseinserweiternde Mittel, die auch im Valley immer schon genommen wurden, um die Kreativität anzukurbeln, so will es zumindest die Folklore. Steve Jobs und Bill Gates sind die prominentesten LSD-Nutzer der Techcommunity, doch wenn man Tim Ferriss glauben kann, dem Investor und Autor der Anders-Arbeiten-Bibel „The 4-Hour Work Week“, nehmen „fast alle“ der Techmilliardäre, die erkennt, regelmäßig Halluzinogene, um ihren Ideenfluss blubbern zu lassen. Und er kennt ziemlich viele. Initiiert hat den Trend Dr. James Fadiman, ein Wissenschaftler, der seit 40 Jahren zu Drogen forscht und 2011 mit seinem Buch „The Psychedelic Explorer’s Guide: Safe, Therapeutic, and Sacred Journeys“ den Begriff „Microdosing“ populär machte. Fadiman lieferte gleich ein paar praktische Informationen mit. 2015wurde er von Ferriss für dessen bei Techies beliebten Podcast interviewt. Ein Publikum, das sehr offen ist für neue Ideen und Experimente am eigenen Körper. Diese Community verbreitete die Microdosing-ldee in der Welt, auch nach Berlin. Natürlich trompetet niemand über die Torstraße; dass er gerade verbotene Substanzen für ein paar Wochen teste. Aber das Thema ist akut. Beim Geburtstagsgrillen eines befreundeten Unternehmensberaters, erzählt ein Berliner Startup-Veteran belustigt, hätte sich später am Abend ein eigener Tisch mit andächtig lauschenden Kollegen gebildet, die sämtlich beteuerten, noch

nie in ihrem Leben Drogen genommen zu haben — und jetzt mit Konfirmandenaugen und halb offenen Mündern zuhören, als drei Gründer von ihren gemeinsamen Experimenten mit Kleinstdosen psychedelischer Pilze erzählen, die sie jeden dritten Tag morgens zusammen im Büro einnehmen.

Wie 20 Jahre Yoga?

Etwa die Hälfte der Zuhörer habe es danach selbst probieren wollen, ein paar tippten sich die richtige Dosierung direkt als Notiz ins Handy. In der Friedrichshainer Buchhandlung Kali, einem der Treffpunkte der Szene, veranstaltete die deutsche „Psychedelische Gesellschaft“ im April einen Infoabend mit dem Titel „Microdosing für Start-ups“. Und Hennigs Start-up The Druid hat seit Kurzem einen Investor, den Hennig diskret als „eines der Urgesteine der deutschen Techszene“ umschreibt.

Er schätzt, dass rund 100 Rituale mit Schamanen jeden Monat in der Hauptstadt stattfinden, von der legalen Kakaozeremonie (auf Basis der rohen Frucht) bis zu verbotenen Dingen. Man müsse sich nur ein wenig mühen, um von ihnen zu erfahren: „So was wird nicht über eine Facebook-Veranstaltung beworben.“ Man muss nicht gleich mit einem Schamanen ums Feuer tanzen, um sein Bewusstsein zu erweitern — es genügt, ein wenig in Onlinecommunities wie Reddit nach Microdoser Berichten zu stöbern. Die sind spirituelle Prosa pur. Ben etwa erzählt, wie ihn LSD einfach sehr, sehr effizient arbeiten ließ: „Ich habe nicht mit Bäumen gesprochen und mir ist nicht Gott erschienen, ich fühlte mich einfach gut, ungedämmt gut.“ Als wäre er gerade den ersten Tag aus einem langen, erholsamen Urlaub zurück. Eine andere Nutzerin berichtet, dass sie durch Microdosing die Beklemmungszustände bei Meetings und Konferenzen verlor. „Ich bin einfach ein klein wenig angeknipster und kann mich besser auf andere Menschen einlassen. Ich trinke jetzt keinen Kaffee mehr, ich nehme Acid.“ Ingenieure berichten, sie könnten plötzlich sehen, wie alle Teile ihrer Maschine synchron ineinandergreifen, eine Finanzberaterin beruhigt ihre Follower, es sei nicht tragisch, auch mal ein, zwei Tropfen aufgelöstes LSD zu viel zu erwischen: „Dann sitze ich eben im Meeting und amüsiere mich still darüber, dass keiner am Tisch sieht, dass ich eine Meerjungfrau bin.“

Anders als beim nervigen Trend zur Selbstoptimierung, geht es beim Microdosing nicht darum, Körper und Hirn als eine Maschine zu sehen, deren Leistung sich immer weiter hochschrauben lässt und mehr Wachstum und Geld ausspuckt. Die Anwender streben nach einem Zustand, der sich sonst nur nach jahrzehntelangem Yoga erreichen lasse. Behaupten sie zumindest. Das Gegenteil des Klischees vom koksenden Investment-Banker also. Winzige, abgemessene Mengen, nach festem Ablauf — jeden vierten Tag, zwischendurch eine Pause — das hat mit den entfesselten High-Performern, die sich in Druckphasen die Nasen vollschaufeln und die Grenzen ihres Körpers ignorieren, nichts zu tun. Microdosing könne auch Inspiration für eine neue, achtsamere Unternehmerkultur schaffen, hofft Hennig. Ein hehres Ziel. Selbst das US-Gesundheitsministerium stuft LSD als körperlich nicht-süchtigmachend ein. Aber wie viel darf man wovon wie oft einnehmen, ohne dass es schädlich ist?

Paul Austin, Gründer der Webplattform „The Third Wavee“, veranstaltet bereits Seminare unter dem Titel „Psychedelics for Professionals“ und berät Neulinge in Hinterzimmern von New Yorker Bars und über Skype – eine Session via Computerbildschirm kostet bei ihm 97 Dollar. Seine Firma hat er „Third Wave“ genannt, weil er zwei vorausgegangene Drogenkonsumwellen identifiziert hat: Bei der ersten entdeckten die alten Griechen die Wirksamkeit bestimmter Substanzen. Im Zuge der zweiten Welle, in den 60ern, wurden die Drogen kriminalisiert. Nun, in der dritten, könnten Microdoser dabei helfen, dies wieder rückgängig zu machen.

Messgerät für Pulver aller Art

Tatsächlich haben neun US-Bundesstaaten den Konsum bestimmter Drogen legalisiert. Die Dispensaries sind keine schmuddeligen Abgabestellen mehr, wo nebenan ein windiger Arzt sitzt, bei dem man sich noch schnell eine Berechtigungskarte ausstellen lässt, um sich medizinisches Marihuana kaufen zu dürfen. Der Vertrieb läuft heute über große, helle, schöne Premiumgeschäfte in Toplagen, die aussehen wie Parfümerien oder Concept Stores. Die Verpackung ist edel, das Branding smart. Man erfährt, was man bekommt — vom Cannabisöl, das man ins Essen geben oder für Massagen verwenden kann, über Haschkuchen bis zum Honig, dessen Verzehr einen sanft wegdriften lässt.

Als die Mutter der ehemaligen Ubisoft-Managerin Carrie Tice vor Jahren an Alzheimer erkrankte, bekam sie von Freunden den Tipp: Gras hilft. Also legte sie los und gründete Octavia. Das Unternehmen macht es Senioren einfacher, an Marihuana zu kommen und es so zu dosieren, dass es Schmerzen lindert und bei Demenz, Parkinson oder Alzheimer hilft, ohne dass man high wird. Ihre Tinkturen und Salben verkauft Tice nach dem Tupperparty-Prinzip, die Berater kommen ins Altersheim. So weit ist Hennig mit seinem Start-up The Druid noch lange nicht. Immerhin, das erste Produkt, ein Schmuckanhänger, dessen Taschen man dafür verwenden kann, beliebige Pulver auch in kleinen Mengen ohne Feinwaage abzumessen, ist marktreif.  Welche Substanzen das genau sein können? In den FAQ findet sich ein Disclaimer, der streng betont, damit bitte keine illegalen Substanzen abzumessen. Denn die meisten Drogen seien schließlich verboten. Hennig, der Jurist, lächelt.

Inspiriert wurde er zu seinem Anhänger vor zwei Jahren, als er zum ersten Mal das berühmte Burning-Man-Festival besuchte. Eine Erfahrung, die sein Hirn zum Flirren brachte: „Diese temporäre Community, die ganz anderen Prinzipien folgt als unsere normale Welt! Wo es für zehn Tage kein Geld gibt, keine Marken, kein Business.“ Er segelte auf seinem Fahrrad in völliger Dunkelheit durch einen Sandsturm, feierte und beobachtete immer wieder einen komischen Clash im Verhalten der Besucher. „Da siehst du Leute, die sehr gut leben, sich zu Hause superbewusst ernähren, streng darauf achten, dass ihr Gemüse keine Restspuren von gesundheitsschädigenden Mitteln enthält“, sagt Hennig, „und dann lassen die sich hier völlig unbekümmert von irgendwem irgendwelche Pülverchen in die Hand schütten, können gar nicht richtig sehen, wie viel das ist, und kippen es sich in den Mund.“ Er lächelt wieder. „Ich nehme an, es war Vitamin-C-Pulver oder Magnesium, man muss ja bei einem solchen Festival auch auf den Elektrolytehaushalt achten.“

Am ersten Tag nach dem Burning Man, noch in San Francisco, lud er sich das modernste CAD-Programm auf den Rechner, das er finden konnte, und fing an, sein Produkt zu designen. Besser gesagt, er lernte erst einmal die Grundlagen des Industriedesigns. Ein Jahr später, pünktlich zum nächsten Burning Man, war der erste Prototyp aus Messing fertig. Hennig trug ihn an einem Lederband um den Hals undwur  de ständig darauf angesprochen: Oh, das ist aber ein schöner Anhänger! „Als ich ihnen erklärt habe, was das ist, sind manche von ihnen vor Aufregung auf der Stelle gesprungen und haben geschrien: „I need this, I need this! When can I get it?“ Ab sofort. Der Anhänger kostet je nach Ausführung zwischen 80 und 110 Euro und soll dem Konsumenten stilvolle Gewissheit bei der Einnahme seines Pülverchens verschaffen. Neben The Druid arbeitet Hennig bereits an einem zweiten Projekt, einem umfangreichen Onlineguide, der Uneingeweihte an das Thema heranführen soll. Es dauert noch ein bisschen, bis der live gehen wird, doch der Name steht schon fest:   Conscious-tripping.org.