Arrow

Allein gegen einen Energie-Giganten: Neva Goodwin Rockefeller

Post photo
Januar 16, 2019 views23

New York. Es ist dem Anschein nach wie der Kampf von David gegen Goliath, beziehungsweise Mensch gegen Energie-Gigant. Dabei geht es um eine reiche Erbin aus dem Rockefeller-Clan, die ausgerechnet gegen Exxon Mobil zu Felde zieht und diesen der Erderwärmung und Umweltverschmutzung anklagt.  Paradoxerweise war Rockefeller selbst Chef einer gigantischen Öl-Dynastie, die ähnlich wie Exxon Mobil seine Milliarden im Erdöl-Business verdient hat. Doch Newa Goodwin Rockefeller schaut nicht zurück im Kampf gegen den Energie-Multi, sondern sieht nur die Zukunft mit einem stärker werdenden Klimawandel und dem ökologischen Ungleichgewicht, welches die Menschheit eines Tages ins Verderben führen könnte.

Dabei stellt sie ganz nüchtern fest, dass die Welt sich seit den Lebzeiten ihres Urgroßvaters, einem der reichsten Männer der Welt, um fast ein Grad Celsius erwärmt hat. Wenn nicht ein Wunder geschieht, sagt die Urenkelin, werden wir daran scheitern,  die weitere Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wie es das Pariser Klimaschutzabkommen vorsieht. Mehr als zwei Grad Erwärmung, erklärt sie, und der Meeresspiegel steigt beträchtlich. Mehr als drei Grad: Wir verlieren einen Großteil der Küstenstädte der Welt, und ein Wald wächst in der Arktis. Mehr als vier Grad, und in Europa herrscht Dürre. Mehr als fünf Grad, und das Ende unserer Zivilisation steht bevor. Dann sagt sie: Wir hätten vor Jahrzehnten den Klimawandel verhindern können. Doch man hat uns belogen. Das alles trägt Neva Goodwin Rockefeller nüchtern vor, nachdem sie auf dem Sofa im Salon Platz genommen hat, eine Dame von 74 Jahren, deren Mund ein höfliches Lächeln umspielt, wenn sie zuhört, und deren Augen scharf blitzen, wenn sie redet. Sie hat verschiedene Journalisten zum Gespräch in die Wohnung ihres Sohnes in Manhattans Upper West Side gebeten. Sie kämpft gegen Exxon Mobil. Es ist ein erbitterter Kampf. Ihr Urgroßvater, John D. Rockefeller, lieferte den Lebenssaft des amerikanischen Traumes: Öl. 1863 eröffnete er seine erste Raffinerie in Cleveland, 14 Jahre später kontrollierte er 90 Prozent des US-Marktes. Sein Unternehmen Standard Oil wurde so mächtig, dass es der Supreme Court, der Oberste Gerichtshof des Landes, in 34 Unternehmen zerschlug, darunter zwei, aus denen das heutige Exxon Mobil wurde.

Da hatte das Öl die Rockefellers schon übergroß gemacht, aus dem Öl war der Schmierstoff ihrer Macht geworden, und dieser Schmierstoffmachte John D.s Nachfahren zu Senatoren, Vizepräsidenten, Gönnern, einige auch zu Faulenzern, die es sich leisten konnten. Aus dem Öl wurde der Baustoff der Rockefellerschen Herrlichkeit, der Baustoff für das Rockefeller Center in New York und herrliche Anwesen am Hudson River und auf Mount Desert lsland in Maine. Noch heute belegen die 174 Mitglieder der Rockefellers mit einem geschätzten Vermögen von elf Milliarden Dollar Platz 23 auf der Forbes-Liste der reichsten Familien Amerikas. Als im Mai die private Kunstsammlung von Neva Goodwin Rockefellers Vater David für einen guten Zweck versteigert wurde, kamen 650 Millionen Dollar zusammen. Weltrekord. Doch Neva und die anderen Rockefellers müssen zusehen, wie das Meer dem Familienanwesen auf Mount Desert Island immer näher rückt, da helfen auch keine Milliarden.

Neva Goodwin Rockefellers Feldzug gegen Exxon begann im Jahr 2003. „Ich hatte mich seit Jahren schon mit dem Klimawandel beschäftigt, hatte Studien gelesen darüber, wie fossile Brennstoffe dazu beitragen. Und weil meine Familie noch immer eine Verbindung zu Exxon sowie Aktienpakete hatte, wollte ich mit ihnen reden. Ich dachte, Exxon wüsste nicht, was die Probleme waren. Ich war naiv.“

Als Wirtschaftsprofessorin wollte sie dem Unternehmen mit wirtschaftlichen Argumenten zur Einsicht verhelfen. „Ich stellte bei der Aktionärsversammlung den Antrag, Exxon dazu zu verpflichten, den Einfluss des Klimawandels auf das Geschäft zu untersuchen. Ich wollte der Konzernführung klarmachen: Da ist ein großes Problem, und ihr seid Teil davon. Doch mein Antrag bekam nur wenige Stimmen.“ Den nächsten Anlauf unternahm sie 2006, als der damalige Exxon-Chef Lee Raymond ihren Vater David, einen der einflussreichsten Menschen der New Yorker Finanzwelt, zum Mittagessen einlud. Raymond wollte seinen Nachfolger Rex Tillerson vorstellen, der später unter Präsident Trump gut ein Jahr lang einen erfolglosen Außenminister gab. „Ich kam mit zu dem Essen. Raymonds Büro hatte meinem Vater ausgerichtet, dass Tillerson nicht mit dem Klimawandel belästigt werden solle. Der Assistent meines Vater sagte, ich solle mich bitte benehmen. Das tat ich dann wohl nicht.“ Neva Goodwin Rockefeller sprach bei dem Essen über den Klimawandel und den Anteil, den Exxon Mobils Geschäfte ihrer Ansicht nach daran hatten. Sie sagte, dass ihre Familie Aktienpakte der Firma besitze, dass sie deshalb daran interessiert sei, dass die Firma in erneuerbare Energien investiere, ehe die Firma untergeht. Rex Tillerson sagte, Exxon sei eine Kraft des Guten. Die reichen Länder seien durch das Öl reich geworden. Nun sollten auch andere Länder in Asien und Afrika diese  Chance haben. Neva Goodwin Rockefeller entgegnete:  „Wenn die Umwelt zerstört wird, wird das auch die wirtschaftliche Entwicklung verlangsamen oder stoppen.“

Da wusste sie noch nicht, was Exxon  wusste.

2008 traten Neva Goodwin Rockefeller und einige andere Familienmitglieder mit einem neuen Antrag vor die Aktionärsversammlung, sie forderten nun, dass Exxon die möglichen Folgen des Klimawandels in Schwellenländern untersuchen solle. Wenn die Folgen des Klimawandels übel wären, würde dies die Ökonomien in diesen Ländern beschädigen, würde sich das Wachstums-versprechen nicht erfüllen — und Exxon nicht die Kunden haben, die es sich erhoffe.

„Es gab nicht viele Stimmen für meinen Antrag. Exxon hatte große Shareholder angerufen und ihnen gesagt: Stimmen Sie gegen den Vorschlag, und wenn Sie schon dafür gestimmt haben, können Sie das noch ändern. Ich hielt aber danach eine Pressekonferenz, das brachte viel Aufmerksamkeit.“

Als ihr Urgroßvater Standard Oil gründete, sagte sie dort, war er ein brillanter Geschäftsmann. Einer, der erkannt hatte, dass Energie der Schlüssel für die wirtschaftliche Entwicklung ist. „Ihm war klar, dass die existierenden Energieformen wie Tierkraft oder Walöl nicht mit der Nachfrage mithalten können. Er hat sich die Welt angesehen und die Energie gefunden, die Zukunft hatte. Wenn mein Großvater heute noch leben würdewürde er auf erneuerbare Energien setzen.“

Nach dieser Pressekonferenz war es vorbeimit der Höflichkeit zwischen der Rockefeller-Familie und Exxon. Nun begann die Konfrontation. Wenn die Rockefellers das Unternehmen nicht mögen würden, sollten sie doch einfach ihre Anteile verkaufen, hieß es von Seiten Exxon Mobils. Doch die Firma hatte  nicht verstanden, dass es der Familie um  mehr ging. Die Stiftung der Rockefellers finanzierte Recherchen von Journalisten an der Columbia Universität. Sie sollten  der Frage nachgehen: Was wusste Exxon über den Klimawandel?

Sie fanden heraus: ziemlich viel. Ein  Exxon-Wissenschaftler trug einmal der Führungsriege des Unternehmens vor: „Es gibt eine generelle wissenschaftliche Übereinstimmung, dass die Menschheit das  globale Klima durch Kohlendioxid beeinflusst, das sie durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen freisetzt.“ Das war 1977. Fünf Jahre später schlug ein interner Report Alarm. „Katastrophale Ereignisse“ würden drohen, wenn die Verbrennung   von fossilen Brennstoffen nicht reduziert würde. Er warnte davor, dass weite Teile der amerikanischen Ostküste, darunter Florida, versinken könnten. Der Wandel käme schleichend, wenn er in Kraft trete, könnte er aber unumkehrbar sein. Die Öffentlichkeit erfuhr von diesen Studien nichts. Im Gegenteil. Mit Millionen hat Exxon Mobil jahrzehntelang Lobbygruppen versorgt, die den Klimawandel anzweifelten, allein sechs Millionen Dollar für den Kampf gegen das 190to Protokoll 1997. In einem Memo hieß es: „Wir werden einen Sieg erlangen, wenn der Durchschnittsbürger die Unsicherheiten in der Klima-wissenschaft versteht'“.

Neva Goodwin Rockefeller erfuhr 2016 durch diese Recherchen der Columbia Universität, dass Lee Raymond, den sie einst beim Mittagessen über die Mitverantwortung seines Konzerns am Klimawandel aufklären wollte, vermutlich längst von seinen eigenen Wissenschaftlern darüber informiert worden war. Und trotzdem leugnete. „Ich fragte mich: Warum hat Exxon Mobil uns und die Öffentlichkeit angelogen?“, sagt Neva Goodwin Rockefeller. „Es ist eine psychologische Frage: Warum tun Menschen, die ein großes Unternehmen leiten, Dinge, die die Zukunft der Menschheit aufs Schwerste bedrohen?“ Sie macht eine Pause. „Es wurden viele Artikel darüber geschrieben, dass Unternehmen von Psychopathen geleitet werden. Von Leuten ohne Gewissen. Wie kann man das sonst erklären?“

Die von den Rockefellers finanzierten Recherchen halfen dabei, juristische Verfahren einzuleiten. Einige US-Küstenstädte, darunter San Francisco, Oakland und New York, haben Exxon und andere Öl-Unternehmen auf Schadensersatz verklagt für die Kosten, die ihnen durch den Schutz vor dem steigenden Meeresspiegel entstehen. Vorbild sind die Prozesse gegen die Tabakindustrie, die unter ähnlichem Druck die gesundheitsschädlichen Folgen des Rauchens einräumen mussten. Doch Exxon Mobil schlägt zurück, unterstützt von republikanischen Senatoren, die im Mai 2018 einen Schriftsatz vorlegten, in dem sie schrieben: „Die Fragen von Klimaschutz sind politische Fragen und eignen sich nicht für einen Gerichtsentscheid.“

Der Klimawandel ist in den USA zu einem Schlachtfeld eines kulturellen Kampfes geworden, in den Präsident Trump das Land gezogen hat — und Exxon Mobil zum umkämpftesten Symbol darin. Laut einer Studie identifizieren sich Anhänger der Republikaner mehr mit Exxon als mit den meisten anderen Unternehmen. 69 Prozent von ihnen halten die Auswirkungen des Klimawandels für übertrieben dargestellt; bei den Demokraten sind es gerade einmal vier Prozent. In der Auseinandersetzung über den Klimawandel in den USA geht es längst nicht mehr um Studien, Zahlen und  Fakten, sie ist zu einem weiteren politischen Schlachtfeld geworden, wie Abtreibung und das Waffenrecht. Republikanische Unterstützer machen deshalb Stimmung gegen die Familie Rockefeller, sprechen von einer bösartigen Intrige von Öko-Extremisten. Ein konservativer Kommentator schrieb: „Es ziemt sich nicht für eine der großen Familien unserer Nation, eine amerikanische Firma so skrupellos anzugreifen.“ Auch bei den Rockefellers selbst ist ein Streit ausgebrochen, einige Familienmitglieder arbeiten noch im Öl-Geschäft oder wollen weiterhin davon profitieren. Ariana Rockefeller, Profi-Reitsportlerin und Modeunternehmerin, erklärte, sie halte die Kampagne ihrer Verwandten für fehlgeleitet. „Ich glaube nicht, dass es hilft, dass sie unser Familienerbe schlechtmachen.“ Neva Goodwin Rockefeller seufzt, wenn man sie darauf anspricht. „Ariana war nicht informiert und wurde von miesen Beratern zu diesen Sätzen gedrängt. Die große Mehrheit der Familie teilt die Kritik an  Exxon“, sagt sie.

Exxon Mobil selbst wählt eine auch bei Donald Trump beliebte Verteidigungsstrategie. Das Unternehmen behauptet, Opfer einer Verschwörung zu sein, initiiert von der Familienstiftung der Rockefellers.  Eine Verschwörung, die das Unternehmen zerstören wolle und seine Verfassungs-  rechte verletzte. „Ich sehe darin die Strategie, die öffentliche Meinung zu beeinflussen: die bösen Rockefellers gegen die rechtschaffenen Ölkonzerne. Wir sind nicht überall beliebt“, sagt Neva Goodwin Rockefeller. Schon Iange ist die Familie kruden Anschuldigungen ausgesetzt, ihr Vater David galt Verschwörungstheoretikern als Mastermind einer internationalen Konspiration: Die Bilderberg-Gesellschaft, der er angehörte, ein einflussreicher Klub aus führenden Personen der Finanzwirtschaft und Wissenschaft, würde die Weltherrschaft anstreben. Neva Goodwin Rockefeller sagt, sie sei überrascht, mit welcher Härte Exxon gegen ihre Familie vorgehe. Wie sehr das Unternehmen weiterhin das landesweite Denken präge, das da heiße: Jetzt werden  wir reich, egal was morgen ist. Sie hat noch Aktien von Exxon Mobil. Sie will ja mitreden. „Mein Sünden-Portfolio“, sagt sie.