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Die richtige Altersvorsorge ist verdammt schwer

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November 27, 2018 views9

Dortmund. Die Frage stellt sich eines Tages für jeden: Habe ich alles richtig gemacht, so wie ich fürs Alter finanziell zusätzlich vorgesorgt habe? Neben der Rente, die die meisten am Ende ihres Arbeitslebens erwarten können gibt es noch die Differenz zwischen letztem Netto-Einkommen und der Höhe der monatlichen Rentenzahlung – abzüglich Krankenkassenbeiträgen, die auch noch ganz schön schwer wiegen… Die will vernünftig aufgefüllt werden. Oft gibt es Rücklagen, die viele dann gerne in ein sicheres monatliches Einkommen umwandeln möchten. Dabei den richtigen (Versicherungs)-Partner zu finden, ist gar nicht so einfach.

Es gibt Fragen, von denen Freunde bei einem Glas Wein ganz entspannt behaupten, dass sie solche Sorgen gerne hätten — und die Sache dann doch ganz anders sehen, wenn es bei ihnen so weit ist. Oft geht es dabei um die richtige Geldanlage. Michael N. schlägt sich seit Monaten mit so einer Frage herum. In einem Jahr läuft seine fondsgebundene Rentenversicherung aus. Dann ist er 58 Jahre alt und soll einen Betrag von rund 100 000 Euro erhalten. So weit, so erfreulich. Gedanken macht er sich aus einem ganz anderen Grund: Als er die Rentenpolice vor fast 20 Jahren abschloss, dachte Neuhaus, er würde das Geld zum Schluss auf einen Schlag abrufen — obwohl er sich den Betrag auch in Form einer lebenslangen Rente auszahlen lassen könnte. Mittlerweile ist er sich wegen der niedrigen Zinsen aber nicht mehr so sicher, ob er das Geld in Eigenregie wirklich besser anlegen kann. Schließlich ist es ein Teil seiner AItersvorsorge. Was also tun?

Mit der Generation der Babyboomer steigt die Zahl der Ruheständler hierzulande schon bis zum Jahr 2025 um rund zwei Millionen Menschen. Viele haben in den vergangenen Jahrzehnten gut verdient und Geldvermögen aufgebaut, vor allem in privaten Versicherungen. Die Lebensversicherer allein schütteten im vergangenen Jahr rund 77 Mrd. Euro aus. Die Anleger stehen nun aber vor der Frage: Wie setze ich mein Kapital so ein, dass es für einen komfortablen Ruhestand reicht? Auf 80 Prozent des bisherigen Einkommens sollte man Experten zufolge den Finanzbedarf im Ruhestand schon taxieren. Viel weniger sollte es nicht sein, denn mit dem Job entfallen zwar regelmäßige Kosten wie die Pendelei zum Arbeitsplatz, doch es steigen die Ausgaben für andere Bedürfnisse, Reisen etwa, und nicht zuletzt für die Gesundheit. Im Prinzip stehen allen, die ein regelmäßiges Zusatzeinkommen wünschen, drei Wege offen: eine sichere lebenslange private Rente, eine gesetzliche Rente — und ein Auszahlplan auf Zins- oder Fondsbasis, der zahlt, solange das Geld reicht. Am Ende steht die schlichte Frage: Besser Rente oder alles auf einmal und dann selber einteilen?

Besonders dringlich ist das Thema für alle, die bisher wenige gesetzliche oder betriebliche Rentenansprüche angesammelt haben und feststellen, dass sie laufende Basisausgaben besser absichern müssen — am besten lebenslang. Dazu zählen häufig Selbstständige. Nur: Rational entscheiden die Frage „Geld oder ein sicheres Leben?“ bislang die wenigsten Vorruheständler. Die meisten agieren aus dem Bauch heraus. Ein Grund dafür liegt in der Psychologie: Wer tauscht schon gern 100.000 Euro gegen 300 Euro im Monat? Private Renten sind denn auch alles andere als beliebt. Nur 20 bis 30 Prozent der Versicherungsnehmer entscheiden sich großen Anbietern zufolge zum Beginn des Ruhestands für die Rentenleistung — der Rest zieht sein Kapital ab. Dabei gibt es für Rentner in spe zwei Konstellationen, wie sie zu vernünftigen Konditionen an eine sichere Rente kommen. Wer etwa sein Erspartes zu heutigen Bedingungen in eine sichere Rente umwandeln will,

 

wird feststellen, dass sich das wegen niedriger Garantien bei privaten Anbietern kaum mehr lohnt. Bei der gesetzlichen Rente ist der Tausch aber oft ein gutes Geschäft. Auch bei älteren privaten Rentenpolicen aus den 80er- oder 90er-Jahren lohnt sich ein zweiter Blick: Weil sie oft noch bessere Konditionen bieten, fährt man bei ihnen mit einem lebenslangen Salär nicht selten doch besser als mit der Auszahlung auf einen Schlag. Ob man sein Ruhegeld besser selbst verwaltet oder in eine lebenslange Rente umwandeln sollte, hängt dann von vielen Faktoren ab. Lebenserwartung: Nahezu 20 Jahre beziehen die Deutschen nach der offiziellen Rentenstatistik derzeit durchschnittlich ihre Rente — Männer ein bisschen kürzer, Frauen etwas länger. Für eine Ruhestandsplanung sind 20 Jahre allerdings knapp kalkuliert, schließlich leben sehr viele Menschen auch länger. Wer auf Nummer sicher gehen will oder muss, rechnet ab dem Alter von 65 mit weiteren 25 Jahren.

Im Prinzip gilt: Je länger der Ruheständler lebt, umso besser rentiert sich eine lebenslange Rente. Für eine bestimmte Klientel kommt eine Rente daher allerdings auch von vornherein nicht in Betracht: für Menschen mit gesundheitlichen Problemen. Wer nicht hoffen darf, noch lange zu leben, hat kaum etwas von einer Rente, die nur bis zu seinem Tod gezahlt wird. Er fährt wahrscheinlich besser, wenn  er sein Geld selber verwaltet. Alt- oder Neuvertrag: Wenn es um die Auszahlung einer privaten Rentenversicherung geht, kommt es für die sichere Rentenleistung vor allem auf das Abschlussjahr an: Am ehesten lohnen sich private Renten aktuell für Kunden, die ihre Police zwischen 1996 und Mitte 2001 abgeschlossen haben. Auch davor waren die Konditionen günstig. Wer sich bei einem solchen Vertrag für eine Rente statt den Kapitalbetrag entscheidet, kann die vertraglichen Altzusagen in die Zukunft fortschreiben — unabhängig von den aktuellen Minizinsen am Kapitalmarkt. Das kann sich rechnen. Risikoneigung: Risiken muss man sich auch im Ruhestand leisten können. Wenn die sicheren laufenden Einnahmen im Alter bisher nicht für ein Auskommen reichen, schläft man mit einer garantierten Monatsrente wahrscheinlich ruhiger als mit einem Auszahlplan. Denn bei dem ist unklar, ob das Geld tatsächlich reichen wird. Aus Sorge vor einem frühen Tod und dem Verlust des Kapitals schrecken viele Kunden jedoch eh vor Renten zurück. Zwei Drittel der Deutschen würden alternativ lieber eine Kapitalauszahlung auf einen Schlag wählen, ergab eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Versicherer. Die meisten von ihnen glauben, dass sie damit bei einem vorzeitigen Tod das bessere Geschäft machen.

Der Finanzwissenschaftler Jochen Ruß hingegen ist davon überzeugt, dass die Deutschen auf das falsche Risiko starren. Die eigentliche Gefahr im Alter sei das „Mein Geld ist schon weg, aber ich bin noch da“-Risiko, findet er. Wie viel die Sicherheit eines regelmäßigen und lebenslangen Einkommens wert ist, muss jeder für sich entscheiden. Vererben: Für viele Deutsche ist der Wunsch, der Familie etwas zu hinterlassen, ein starkes Argument gegen eine Rentenleistung. Sie wollen ihr Kapital nicht aufbrauchen, sondern vererben. Die Realität sieht nach einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW allerdings anders aus: Viele der heute 55- bis 64-Jährigen müssen demnach ihr Vermögen ganz oder teilweise aufwenden, um im Alter ihren gewohnten Lebensstandard zumindest einigermaßen halten zu können. Steuern: Bei der Frage „Rente oder Auszahlplan?“ ist die Bruttorechnung nur ein erster Schritt — schließlich will der Fiskus auch seinen Teil. Das ist der Moment, in dem private Renten oft gegenüber Alternativanlagen Boden gutmachen.

Denn private Rentenbezüge kommen beim Fiskus vergleichsweise gut weg. Wer ab 58 Jahren eine private Rente bezieht, muss einen Anteil von 24 Prozent versteuern; beim Startalter 65 sind es noch 18 Prozent. Von 1000 Euro Rente im Monat wären also 180 Euro mit dem persönlichen Satz zu versteuern. Gesetzliche Renten sind ab dem Jahr 2040 vollständig steuerpflichtig, aktuell mit einem Anteil von 76 Prozent. Auf Fonds- und Zinserträge hingegen zahlen Anleger — vereinfacht ausgedrückt — 25 Prozent plus Soli. Weil die Steuerrechnung komplex ist, sollte im Einzelfall der Steuerberater rechnen.

Alle fünf Faktoren sollten Anleger bei ihrer Ruhestandsplanung beachten. Klingt komplex, doch die gute Nachricht lautet: Wer heute eine lebenslange Rente will oder braucht, muss sich trotz niedriger Zinsen nicht unbedingt mit mauen Konditionen abfinden. Rente statt Kapital — das kann sich auch finanziell rechnen. Für Sicherheitsbewusste kommt zum Beispiel eine Einzahlung in die gesetzliche Rentenversicherung infrage. Klingt verrückt? Ist es  aber nicht.

Aktuell ist das Tauschgeschäft „Geld gegen Sicherheit“ bei privaten Anbietern finanziell kaum attraktiv. Wer etwa mit 65 Jahren 100 000 Euro in eine klassische Sofortrente umwandeln möchte, muss schon ein stolzes Alter erreichen, um überhaupt Chancen auf eine positive Rendite zu haben. Bis zum Alter von 90 Jahren stellen derzeit nur zwei Versicherer rund 2,5 Prozent Ertrag in Aussicht. Wer nur das 85. Lebensjahr erreicht, macht fast in der gesamten Branche ein Minusgeschäft.

Was viele nicht vermuten: Lukrativer ist oft die gesetzliche Rente. Ab dem Alter von 50 können die allermeisten, die später gesetzliche Rente beziehen, mit einer freiwilligen Einzahlung zusätzliche Rentenpunkte kaufen. „Diese Variante lohnt in dem Zeitfenster von heute bis zum Jahr 2022 für sehr viele, weil das Verhältnis von eingezahlten Beiträgen zu Renten so gut ist wie nie“, urteilt Finanzmathematiker Werner Siepe. Investiert man im Alter von 55 Jahren zum Beispiel einen Betrag von 50.000 Euro, kann man seine gesetzliche Rente zum regulären Ruhestand mit fast 67 Jahren entweder um 197 Euro im Monat erhöhen — oder sich vier Jahre vor dem gesetzlichen Rentenbeginn ohne Abschläge aus dem Job verabschieden.

Zum Vergleich: Bei einem privaten Lebensversicherer würde man für dasselbe Kapital derzeit nur etwa 155 Euro garantiert bekommen.

Noch attraktiver werden Investitionen in die gesetzliche Rente, wenn man die Einzahlung aus steuerlichen Gründen über mehrere Jahre streckt. Die Gesamthöhe ist allerdings begrenzt: bei Gutverdienern auf maximal rund 75 000 Euro. Besonders lohnend sind Extrabeiträge zur gesetzlichen Rente laut Fachmann Siepe für rentennahe Jahrgänge ab 55 Jahren, Frauen (wegen der längeren Lebenserwartung) und für privat Krankenversicherte (wegen des Zuschusses zur Krankenversicherung von 7,8 Prozent).

Beispiel:

Michael N. ist zum Auszahlungstermin seiner fondsgebundenen Rentenversicherung mit 58 Jahren noch relativ jung und darf statistisch mit 25 weiteren Lebensjahren rechnen, ermittelte Siepe: „Das Endalter von 83 ist ein Durchschnittswert und nicht in Stein gemeißelt, aber ein guter Anhaltspunkt für die Planung.“ Für N. ist die Rentenoption also durchaus eine Überlegung wert, weil er einen günstigen Altvertrag aus dem Jahr 1999 besitzt – also aus einer Zeit, als historisch hohe Garantiezinsen von vier Prozent galten.

Andere sichere Anlagemöglichkeiten sind am Kapitalmarkt derzeit rar. Außerdem wäre der Aufwand für N. gering, der Versicherer kümmert sich schließlich um alles. Die Kehrseite des Deals: Sollte er früh sterben, ist das eingezahlte Geld für die Erben verloren — jedenfalls zu einem großen Teil.

Ein kleiner Schutz für die Familie ist in N.s‘ Police zwar serienmäßig enthalten: Der Anbieter zahlt die Rente auf jeden Fall fünf Jahre lang, auch wenn N. vorher stirbt. Diese sogenannte Rentengarantiezeit beträgt je nach Vertrag typischerweise fünf oder zehn Jahre. Stirbt der Kunde danach, wäre das restliche Geld dann aber verloren. So sind die Spielregeln.

Seine Frau steht einer Rente skeptischer gegenüber. Sie fragt sich, was eigentlich mit ihr ist, falls ihr Mann früh stirbt und das kleine Vermögen von 100 000 Euro an den Versicherer fällt. Das Ehepaar muss das Risiko, dass N. früh sterben könnte, also gegen den Vorteil eines sicheren Renteneinkommens abwägen.

Allerdings hat das Rentenmodell auch Vorteile: Wenn sie statt der 100.000 Euro Kapital eine Monatsrente von 470 Euro wählen, würden sich die Auszahlungen über die Jahre auf deutlich mehr als die 100 000 Euro Vermögen heute summieren — laut Siepe auf rund zehn Prozent mehr. Vorausgesetzt, N. wird tatsächlich 83 Jahre alt. Um die künftigen Renten mit der Kapitalauszahlung im Jahr 2019 vergleichen zu können, zinste Siepe mit angenommenen zwei Prozent ab. Wenn N. seine 100.000 Euro alternativ selbst anlegt und bis zum Alter von 83 monatlich eine gleichbleibende Summe entnimmt, müsste er Siepe zufolge jährlich mindestens drei Prozent Rendite holen, um ein paar Euro mehr zu erzielen, als die private Zusatzrente einbringt. Mit sicheren Anlagen ist das derzeit kaum zu schaffen. Leider lässt sich der Fall aber nicht verallgemeinern. Schon bei Policen aus den Jahren ab 2001 oder bei einem Anbieter mit hohen Kosten fällt die Rentenrechnung schlechter aus — wegen einer merklich geringeren Garantieleistung. Wer sich mit solchen Alternativrechnungen schwertut, lässt sich dabei am besten von unabhängigen Fachleuten wie Renten- oder Versicherungsberatern helfen (www.rentenberater.de; www.bvvb.de). Wenn man sich wie Michael N. früh Gedanken macht, kann man aber die Möglichkeiten ausloten. Er hat noch ein ganzes Jahr, bevor er sich entscheiden muss — und bis dato liegt die Rente gut im Rennen.