Arrow

Wenn Genossenschaften die Genossen schröpfen

Post photo
Oktober 12, 2018 views457

Frankfurt/Main.Für viele private Investoren, die ihr Geld gerne in Genossenschaften statt bei Banken oder in Fonds oder Aktien anlegen, sind diese Investments stets ein solides Engagement gewesen: Stabil, sicher und rentabel. Doch mittlerweile haben auch Ganoven und windige Geschäftemacher diese Anlageformen für sich entdeckt und ziehen lukrative Betrugsmodelle unter dem Deckmantel des genossenschaftlichen Gedankens auf. Zum Leidwesen vieler Anleger, die sich plötzlich mit Konkursen, Insolvenzen und Veruntreuung auseinandersetzen müssen. Von den versprochenen Renditen und großen Teilen des eingezahlten Kapitals müssen sie sich dann verabschieden. Anders als ursprünglich geplant.

Die Definition besagt: Eine Genossenschaft ist ein Zusammenschluss von natürlichen beziehungsweise juristischen Personen, deren Ziel der Erwerb oder die wirtschaftliche beziehungsweise soziale Förderung ihrer Mitglieder durch einen gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb ist. Dass dieser aber immer öfter zum Zweck der Bereicherung durch Gründer oder Geschäftsführer genutzt wird, macht der gesamten Branche mittlerweile schwer zu schaffen. Ein Beispiel: Im Sommer 2017 war Marco T., Gründer und Vorstandschef der Stuttgarter Wohnungsgenossenschaft Eventus, in den Liebesurlaub aufgebrochen — und in seiner Abwesenheit konnte sein neuer Vorstandskollege einmal ganz in Ruhe die Bücher sichten. T. hatte die Genossenschaft 2012 gegründet. Das Geld der Anleger sollte in Immobilienprojekte fließen, pro Jahr versprach er gut vier Prozent Rendite, und tatsächlich investierten 400 Anleger rund 10 Mio. Euro in Eventus. Nach seinem Blick in die Bücher allerdings erstattete der Neu-Vorstand Anzeige wegen Untreue und Betrugs. Kurz darauf war Eventus pleite.

In den Büchern hatte der Mann entdeckt, dass die Genossenschaft  mit einem Teil ihres Geldes Rechnungen des Gründers beglich. T. soll sich von dem Geld ein Luxusleben geleistet haben: Traumhochzeit in Wien, Schmuck, die Anzahlung für einen Aston Martin. Die Auszahlung von Dividenden an die Genossen habe T. derweil aus dem ständigen Zufluss von neuem Kapital finanziert, schreibt die Staatsanwaltschaft Stuttgart: „ein Schneeballsystem“. Längst sitzt T. in Untersuchungshaft, Ende August wurde Anklage gegen ihn erhoben. Die Anleger jedoch dürften sich keine große Hoffnung mehr auf ihr Geld machen: Von 10 Mio. Euro sind nur 6 500 Euro in bar übrig, drei Wohnungen in Chemnitz und eine Brache in Stuttgart. Verglichen mit anderen Betrugsfällen wären 10 Mio. Euro zwar eine kleinere Summe, aber die Pleite der Eventus zeigt eine bedenkliche Entwicklung: Dass sich immer häufiger Finanzhasardeure unter die Genossenschaften mischen — die doch als grundsolide Unternehmen gelten.

MEHR BESCHWERDEN

Wer Mitglied einer Genossenschaft wird, erwirbt ähnlich wie ein Aktionär Miteigentum am Unternehmen. Die meisten von ihnen wirtschaften tadellos, unter den 20100 Insolvenzen, die die Wirtschaftsauskunftei Creditreform 2017 in Deutschland zählte, entfielen nur 0,1 Prozent auf Genossenschaften. Sicherheit, Solidarität, Demokratie, das sind die Zauberworte, mit denen Genossenschaften neue Mitglieder locken. Kein Wunder, dass die hiesigen Genossenschaften mittlerweile fast 23 Millionen Mitglieder haben. Aber gerade wegen dieses guten Images mischen sich unter die 8 000 deutschen Genossenschaften immer mehr, deretwegen sich Aufseher und Verbraucherschützer sorgen. „Wir erhalten mehr und mehr Beschwerden von Sparern“, sagt etwa Wolf Brandes von der Verbraucherzentrale Hessen. Mittlerweile erschüttern Skandale die Zunft und belegen, dass Genossenschaften riskanter sind, als Sparer oft glauben. Während Anleger ähnliche Risiken wie bei Aktien eingehen, müssen sie sich dazu manchmal auf abenteuerliche Formen der Unternehmensführung, auf Transparenzmängel und hohe Kosten gefasst machen — und finden sich schnell in einem Lehrstück wieder, wie sich der graue, fast unregulierte Kapitalmarkt immer wieder neu erfindet.

Beispiele für fragwürdige Transparenz sind die Deutsche Wohnungsbaugenossenschaft und die Genossenschaft Protectum aus Großwallstadt mit insgesamt fast 35 000 Mitgliedern. Vorstandsvorsitzender beider Genossenschaften ist Bernd Christ. Beide Genossenschaften haben auch einen Aufsichtsrat, der die Arbeit des Vorstandsvorsitzenden kontrolliert. Was die Anleger  jedoch nicht so ohne Weiteres erfahren: Im Aufsichtsrat beider Genossenschaften sitzt Yvonne Christ, das ist die Frau von Bernd Christ.

Ein Interessenskonflikt? Nein, findet Yvonne Christ. „Wenn ein Ehepaar eine Metzgerei betreibt und der Mann die Wurst herstellt und die Frau die Wurst verkauft, tut sie gut daran, ihn zu kontrollieren“, schreibt sie auf Anfrage. Potenzielle Anleger erfahren von Christs Aufsichtsratsarbeit aber erst aus dem Bundesanzeiger, dem zentralen Unternehmensregister. Auf der Genossenschaftswebsite steht davon nichts. Rund um die beiden Genossenschaften ist dazu ein Geflecht von Firmen entstanden, die teils Yvonne Christ gehören, etwa die CCM Cash Card Management, die die Mitglieder der Genossenschaften verwaltet. Die CCM wiederum ist über ein Tochterunternehmen an einer Hausverwaltung beteiligt, die für die Genossenschaften arbeitet — und Chefin der Hausverwaltung ist Yvonne Christ.

Die Verflechtungen gehen noch weiter: Der Aschaffenburger Bauunternehmer Johannes Dreger ist über eine Beteiligungsfirma Co-Eigner von Genossenschaftstochterfirmen wie der Genokap Massivbau. Sein Unternehmen hat bereits geholfen, für die Protectum Immobilien zu errichten, wie etwa ein Facebook-Post seiner eigenen Firma belegt. Dreger selbst sitzt allerdings auch im Aufsichtsrat der Protectum. Zwar sind solche Konstellationen nicht ausdrücklich verboten, sagt Jürgen Keßler, Spezialist für Genossenschaftsrecht und Juraprofessor an der Hochschule für Technik  und Wirtschaft Berlin. „Aber sie widersprechen dem Sinn des Gesetzes, das unabhängige Aufsichtsräte zur effektiven Kontrolle fordert.“ Christ erklärt, dass Verträge mit nahestehenden Personen „in den Mitgliederversammlungen vorgestellt und von den Mitgliedern bestätigt“ würden. Man kann trotzdem zweifeln, dass das Wissen der Genossen dazu sehr groß ist. Sie wurden im ganzen Bundesgebiet geworben, die Versammlungen aber finden in Großwallstadt statt. Protokolle zeigen: Bei den Treffen waren 2016 und 2017 maximal 58 Mitglieder da.

ZAHME PRÜFER

Das Problem: Bei Genossenschaften reicht es, wenn sie auf den Versammlungen informieren. Sie müssen normalerweise keine Anlegerinformationen veröffentlichen, wie sie etwa für Wertpapiere vorgeschrieben sind. Auch anderswo bleiben Lücken. Finanzverkäufer etwa müssen anders als bei anderen Anlageprodukten kein Beratungsprotokoll ausfüllen, wenn sie Genossenschaftsanteile verkaufen. Natürlich macht das Genossenschaften attraktiv für Finanzvertriebe. Zudem ist die Finanz- aufsicht Bafin meist nicht zuständig. Die Genossenschaften sollen sich stattdessen selbst regulieren. Daher gibt es genossenschaftliche Prüfverbände, die die Unternehmen analysieren. Bloß: Die Anleger dürfen die Prüfberichte nicht in Gänze einsehen, sondern nur das zusammengefasste Ergebnis lesen. Und selbst wenn sie es dürften, ist fraglich, ob ihnen das stets helfen würde — an der Arbeit der Prüfverbände bestehen einige Zweifel.

Am Landgericht Münster etwa läuft derzeit ein Verfahren gegen vier Mitglieder der insolventen Genossenschaft Genogen aus Borken, darunter Vorstands- und Finanzchef. Die Angeklagten sollen den Eindruck erweckt haben, die Genossenschaft besitze Immobilien, mit denen eine Rendite von neun bis zwölf Prozent zu erzielen sei. Nur waren die Objekte laut Staatsanwaltschaft nicht werthaltig — oder gehörten gar nicht der Genossenschaft. Merkwürdig ist bloß, dass die Prüfer nicht einschritten. Auch bei Eventus in Stuttgart intervenierte kein Prüfer konsequent. Hier allerdings ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Verband.

Inzwischen diskutieren Beobachter nicht nur die Rolle der Verbände, sondern auch die der Landeswirtschaftsministerien, die die Prüfverbände beaufsichtigen sollen. „Die Behörden müssen stärker nachfragen und die Verbände auch prüfen, da passiert offenbar zu wenig“  sagt der Rechtsexperte Keßler. Das wäre umso dringender, weil sich Anleger bei Genossenschaften lange binden, wie der Fall von Patricia Meier (Name von der Redaktion geändert) zeigt. Sie hatte sich 2015 von einem freien Finanzvermittler zu einem Hauskredit beraten lassen, der ihr gleich Anteile an der bayrischen Wohnungsbaugenossenschaft Fides verkaufte. Einige Tausend Euro legte sie an. „Er hat das als sicher beschrieben, außerdem könne ich jederzeit aussteigen“, sagt sie. Die Risiken wurden ihr erst Monate später klar. Genossenschaftsanteile nämlich verhalten sich ähnlich wie Aktien: Ihr Wert kann schwanken, zwar nicht sekündlich, aber von Jahr zu Jahr. Sieht die Bilanz schlecht aus, erhalten Anleger beim Ausstieg nur einen Teil ihres Geldes zurück. Auch ein Totalverlust ist möglich. Dazu kommen die Gebühren. Meier musste sieben Prozent der Anlagesumme als Agio zahlen, eine Art Eintrittsgeld. Hinzu kam eine Verwaltungsgebühr. Beide Posten konnten sich bei der Fides auf zusammen gut 15 Prozent der Anlagesumme belaufen. Zum Vergleich: Wer für mehr als 1000 Euro Aktien bei einer Direktbank kauft, zahlt fast nie mehr als ein Prozent Gebühren.

Meier wollte kündigen. Bloß vergehen nach der Kündigung bei einer Genossenschaft — je nach Satzung — mehrere Monate oder gar Jahre, bis Anleger Geld zurückerhalten. Die Fides etwa hat eine Kündigungsfrist von zwei Jahren, bei der Protectum sind es fünf. Meier versuchte mehrfach, selbst zu kündigen, und scheiterte. Erst kürzlich, nach Briefwechseln mit einer Anwältin, sagte die Fides zu, die sogenannte Auseinandersetzung zu führen: das typische Verfahren bei Genossenschaften, wenn Mitglieder rauswollen. Auf Anfrage teilt die Fides mit: „Eine Kündigung ist unter Beachtung der satzungsgemäßen Fristen jederzeit möglich.“ Allerdings wird Meier wohl eben frühestens Mitte nächsten Jahres wissen, wie viel sie von ihrem Geld zurückerhält. Immerhin gibt die Fides an, mittlerweile die Gebühren gesenkt zu haben, weil sie den Vertrieb über Finanzdienstleister eingestellt habe. Inzwischen, erklärt die Genossenschaft, seien nur noch die sieben Prozent Agio fällig. Die Fides versucht jetzt etwa, über eine Kundenwerben-Kunden-Aktion Mitglieder zu gewinnen. „Ein guter Tipp von Freunden“, hieß es, sei oft „einfach  unbezahlbar“.