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Zetsches Stern am Mercedes-Himmel sinkt

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September 20, 2018 views269

Stuttgart. Die Kurve zeigt nach unten: Die seines Erfolges, die seiner Reputation, die seiner Aura und seines Führungsanspruchs. Die Rede ist von Deutschlands mächtigstem Auto-Boss, Dieter Zetsche, der im Sog von Abgas-Skandal und Überheblichkeit mehr und mehr an Bewunderung und auch Akzeptanz verliert. Ein dunkles Kapitel im Leben eines Erfolgsmenschen, dessen Lebensgeschichte von Aufstieg und Glanz und Gloria geprägt ist. Bis dato – doch das Saubermann-Image bröckelt wie die Säulen der Tempel im alten Griechenland.

Die Mächtigen der deutschen Politikwissen wissen schon länger, was Dieter Zetsche (65) über sie denkt. „Der hält uns alle für blöd“, bilanzierte der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (58; SPD) nach einem Gipfeltreffen Anfang 2016 in Berlin.

Angela Merkel (64) hatte abends ins Kanzleramt geladen, es ging um die Förderung der Elektromobilität. Neben Gabriel waren unter anderem Wolfgang Schäuble (75; CDU) und Peter Altmaier (60; CDU) gekommen, damals Bundesfinanzminister und Kanzleramtschef. Zu Daimler-Chef Zetsche gesellten sich BMW-Lenker Harald Klüger (52) und VWs Matthias Müller (65).

Krüger warb für einen Staatszuschuss beim Kauf eines E-Autos, Kassenwart Schäuble mochte die reichen Autokonzerne nicht subventionieren. Die Diskussion gewann kurz an Fahrt, bis sich Zetsche bereits gegen 21.30 Uhr verabschiedete. Besonders interessiert hatte er schon zuvor nicht gewirkt. Der Flieger nach Stuttgart, entschuldigte er sich, Sie verstehen …  Der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG lässt die Kanzlerin sitzen. Die Politiker staunten, so etwas kannten sie nicht. Als ein Stündchen später auch Krüger und Müllerwegwaren, diskutierten Merkel, Gabriel und Co. noch bis nach Mitternacht. „Sie können sich nicht vorstellen, wie da geschimpft wurde“, sagt ein Anwesender.

Der Scheuer-Schaden

Geschichten wie diese muss man im Hinterkopf haben, wenn man den abrupten Absturz des Daimler-Chefs in der öffentlichen Wahrnehmung verstehen will. Noch vor einem halben Jahr schien der Mann mit dem Schnäuzer unangreifbar. Was er sagte, war Gesetz bei Daimler. Dieter Zetsche wurde bewundert und beneidet von der gesamten Branche. Nie strahlte der Stern heller.

Dann bat ein anderer Politiker nach Berlin: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (43). Der CSU Mann ist ein bekennender PS-Fan. Scheuer würde ähnlich viel Verständnis für die Autobauer aufbringen wie sein zahmer Vorgänger und Parteifreund Alexander Dobrindt (48). Dachte man bei Daimler.   Scheuer wolle nur mal hören, wie weit Zetsche mit seiner Dieselsäuberung per Software gekommen sei. Zetsche wusste, dass seine Leute bei der Reduktion des Stickstoffausstoßes noch nicht so weit waren wie versprochen. Und er wusste, dass Scheuer „geladen“ hatte und nicht „eingeladen“. Via Medien erfuhr die Öffentlichkeit schon vor dem Treffen von dem Termin.

Doch was sollte ihm schon passieren? Sein Konzern baut die Markenikone der deutschen Industrie, beschäftigt allein hierzulande fast 180 000 Menschen. Und hat beim Diesel, das hat Zetsche mehrfach versichert, nie betrogen. Das Treffen am Morgen des 28. Mai 2018 bei Ressortchef Scheuer kam dann völlig unerwartet einem Einlaufgleich; seither ist aller Übermut bei Daimler wie weggeblasen. Es begann damit, dass Zetsche vor dem Haupteingang von Kameras und Mikrofonen erwartet wurde. Die Bilder liefen abends in der „Tagesschau“. Den unmittelbar nach ihm einbestellten und inzwischen inhaftierten Audi-Chef Rupert Stadler ließ Scheuer unbemerkt durch die Hintertür ins Haus. Ohne Fernsehen.

Deutschland lernte daraus dreierlei: Daimler macht auch Dreck. Die Bundesregierung greift durch. Und Dieter Zetsche ist angreifbar.

Gefährliche Vergangenheit

Scheuer informierte den Daimler-CEO, die Experten des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) hätten illegale Abschalteinrichtungen in Mercedes Motoren gefunden. Illegale Abschalteinrichtungen wären Betrug. Daimler hätte dann ein VW-Problem.

Der vom Ministerium angeordnete Rückrufläuft bereits; parallel legte der Konzern aber Widerspruch gegen den Bescheid ein.

Selbst wenn sich herausstellt, dass Daimler nichts Illegales getan hat: Zetsches Beteuerung „Bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert“ stellt sich im Nachhinein als arg nassforsch heraus. Viele seiner Kollegen im Daimler-Management halten ihn inzwischen für beschädigt — und mit ihm die gesamte Zukunftsplanung des Konzerns.

Denn Zetsche ist nach dem Ende seines CEO-Vertrags eigentlich als Aufsichtsratschef vorgesehen, spätestens ab 2021, für zehn Jahre. Bis vor Kurzem sei das noch „völlig klar“ gewesen, sagt ein Mitglied des Kontrollgremiums.

Und heute? „Brauchen wir neue Köpfe.“ Dabei belässt es der Mann. Seinen Namen mag er nicht lesen; er hat kein Interesse an einem Machtkampf. Vor allem die Arbeitnehmer stellen sich Zetsches nächstem Karriereschritt in den Weg. Es sei dringend geboten, einen alternativen Kandidaten für den Aufsichtsratsvorsitz aufzubauen, heißt es. Die Betriebsräte wollen verhindern, dass der neue Chefkontrolleur von seiner Vergangenheit eingeholt wird.

Da lauern tatsächlich diverse Gefahren. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Daimler wegen möglichen Dieselbetrugs; das US-Justizministerium untersucht den Fall ebenfalls; die Kartellbehörden prüfen Daimlers Selbstanzeige wegen möglicherweise illegaler Kooperation mit anderen deutschen Pkw-Herstellern. Nirgends wird gegen Zetsche persönlich ermittelt. Doch alles geschah in seiner Zeit als CEO.

Würde ein Aufsichtsratschef Zetsche intern maximale Aufklärung einfordern, wenn es hart auf hart käme, fragen sich derzeit viele. Man könnte diese Frage, mit anderen Namen garniert, auch bei VIV stellen. Aber in Stuttgart waren sie immer stolz darauf, anders zu sein als in Wolfsburg.

Mit Zetsches weiterer Karriere steht auch die von ihm favorisierte Nachfolgelösung wieder infrage. Er hätte gern, dass Entwicklungsvorstand Ola Källenius (49) wie er Thomas Weber (64) als vehementer Verfechter des Verbrenners nach seinem Abschied Ende 2016 einen Beratervertrag erhielt. Warum Zetsche nicht mehr Demut gegenüber der Politik zeigte. Warum er sich verweigerte, als andere wie Bosch ein gemeinsames Bekenntnis anregten: Man möge zugeben; dass man die Grauzonen der schwammig formulierten Stickoxidregeln durchaus offensiv ausgenutzt habe. Und warum er mit seinem sturen Festhalten am Diesel selbst Autofreunde wie Baden-Württembergs grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (70) vergrätzt hat.

Zwar wurde Motorenchef Bernhard Heil (58) frühzeitig in den Ruhestand geschickt, für ihn übernimmt Torsten Eder. Doch ein Generationswechsel wird daraus noch nicht. Neben dem starken Zetsche wuchs wenig heran. Selbst seine Zöglinge können sich nicht voll entfalten. Ola Källenius, seit Beginn 2017 Entwicklungsvorstand und Zetsches Favorit für seine Nachfolge, tut sich überraschend schwer. Als Vertriebsboss hatte er sich noch durchgesetzt, in der Entwicklung ist der Widerstand stärker. Er wollte die Organisation umbauen und die Leiter der Baureihen stärken. Noch ist davon wenig zu sehen. Die alten Granden wehren sich immer wieder und spielen ihre Überlegenheit in technischen Fragen aus. Und der Schwede, offenbar zahm geworden vor der Entscheidung über seine weitere Karriere, scheut den harten Konflikt.

Källenius hatte Einsparungen angekündigt, etwa durch kürzere Entwicklungszeiten. Bei der Nachschärfung des Ergebnisprogramms „Fit for Leadership“ wird sein Ressort aber praktisch ausgenommen. Die anderen müssen seine Extra-Sparmilliarde übernehmen. Elektromobilität, zusätzliche Investitionen, um die CO2-Ziele zu erfüllen, autonomes Fahren: Källenius‘ Etats für 2018 und 2019 liegen um anderthalb Milliarden Euro über den Zahlen von 2016 und früher. Weniger gehe nicht, sagt Källenius. Er folgt seinen Entwicklern. Der zweite Kandidat für die Spitze, Bodo Uebber, ist mit seinem „Project Future“, dem Umbau des Konzerns in eine Holding, noch nicht am Ziel. Im Frühjahr 2019 soll die Hauptversammlung die Neuaufstellung beschließen: Mercedes-Benz, die Trucks und die zur Daimler Mobility AG aufgewerteten Finanzdienstleistungen sollen dann als unabhängige Aktiengesellschaften nebeneinanderstehen.

Eigentlich sieht der Plan einen Teilbörsengang der Trucksparte vor. Doch das kann noch dauern. Zetsche und Uebber wollen Betriebsratschef Michael Brecht nicht überrollen, und der zaudert noch. Ergebnis: Die Investoren sind enttäuscht. Statt den Börsengang schon mal einzupreisen, verlor die Aktie rund 20 Prozent. Der Kurseinbruch haftet Uebber an, und Zetsche lässt ihn das spüren. Als der CEO bei einer Investorenkonferenz gefragt wird, ob er den Aktienwert nicht via Börsengang einer Sparte steigern wolle, verweist der auf den gewaltigen versteckten Wert bei Daimler. Der lasse sich auch so erkennen. Man könnte das wie folgt übersetzen: „Erklär’s ihnen endlich, Bodo!“

Bekenntnis zur Batteriezelle, bitte!

Während Chefkontrolleur Bischoff weiter fest zu Zetsche steht, hadern die Betriebsräte um Brecht immer mehr mit ihrem Boss. Nicht weil er ihnen Dinge abverlangt, die sie nicht wollen, sondern weil er sich nicht dazu durchringen kann, radikaler in die Zukunft zu investieren. „Wer künftig die besten Autos bauen will, braucht auch die besten Batteriezellen“, sagt Brecht und fordert eine eigene Akkufertigung. Er will sich nicht von chinesischen und koreanischen Zulieferern abhängig machen. Zetsche und wohl auch Källenius ist das Risiko einer eigenen Zellfabrik jedoch zu hoch. Bei Uebber hoffen die Arbeitnehmer auf mehr Mut; daher präferieren sie ihn als nächsten Vorstandschef. Wie weit sie den Machtkampftreiben, ist schwer abzusehen. Beim letzten Gefecht 2013, noch mitten in der Krise, setzten sie durch, dass Zetsches CEO-Vertrag nur um drei statt wie geplant fünf Jahre verlängert wurde. So wirkt Daimler heute — ungeachtet aller Erfolge — wie ein personeller Krisenfall. Für Manfred Bischoff, bislang ein verlässlicher Freund Zetsches, dürfte die Nachfolgeregelung zu einem Härtetest werden. Zumal er unlängst ein sehr spezielles Erlebnis mit Zetsche hatte. Oder besser: ohne ihn.

Als Chinas Premier Li Keqiang (63) Anfang Juli zu Besuch in Berlin weilte, lud die Kanzlerin die Autobosse ein, um die zuvor vereinbarten Allianzen zu unterzeichnen. Chinas Politelite liebt solches Tamtam. Zetsche aber hatte keine Zeit, auch für den zweiten Termin am Tag darauf in Tempelhof nicht. Der „Dieter“ (Namensschild) weilte in Hongkong auf der Techkonferenz Rise. Es kam Ola Källenius, und auch Bischoff sprang ein. Der hat zwar ebenfalls einen Schnauzer, aber keine Karriereambitionen mehr. Es ist wie im Leben: Irgendwann verglüht auch der hellste Stern und verschwindet als Sternschnuppe für alle Zeiten vom Firmament.