Das ist nun allerdings nicht mehr gegeben, so dass Ulrich Lehner die Konsequenzen zog. Ein Abschied mit Anstand.
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Essen.

Er hat eine beeindruckende Vita – bis dato, aber die Tätigkeit als Chefaufseher bei ThyssenKrupp war für Ulrich Lehner ein Tanz auf dem Vulkan. Offensichtlich hat er im Umgang mit wichtigen Vorstandsmitgliedern kapitale Fehler gemacht. Im zwischenmenschlichen Bereich klappte es auch nicht so recht, so dass es Überlegungen zur Abwahl des Chefaufsehers gab. Doch Lehner klebte lange an seinem Stuhl, hat er doch einen Ruf zu verteidigen, den er sich lange bei Porsche, Telekom und Henkel aufgebaut hat. Nun hat er im Juli endgültig die Reissleine gezogen und das Unternehmen verlassen. Die Hauptaktionäre hätten ihr Vertrauen zuletzt massiv verloren, was Grund genug war, diesen Posten aufzugeben.

Ulrich Lehner (72) zählt zu den Großen der deutschen Wirtschaft. Etliche Jahre zog er als Aufsichtsrat bei Henkel und Porsche die Fäden, bei der Telekom sitzt er nach wie vor dem Kontrollgremium vor. Ein ehrenvoller Abgang von seinen Ämtern, über den der Topmanager vor einigen Wochen selbst räsoniert hatte, schien sicher. Doch dann entglitten dem Moderator an der Spitze des Aufsichtsrats von ThyssenKrupp die Dinge. Und zwar in bis dahin kaum vorstellbarer Weise. Das Zerwürfnis mit Ursula Cather (65), der aufmüpfigen Chefin der Krupp-Stiftung, hat Lehner geradezu provoziert. Als die ThyssenKrupp-Aufsichtsrätin ihn während einer der letzten Sitzungen aufforderte, alle Optionen für die Stahlsparte nebeneinanderzulegen, bevor man das Joint Venture mit Tata beurteilen könne, reagierte der Vorsitzende verärgert. Schneidig beschied er Gather, das Gremium habe sich damit bereits mehrfach befasst.

Im Fall seines langjährigen CEOs Heinrich Hiesinger (58) zeigte sich Lehner weniger bestimmt. Ein starker Chefkontrolleur stellt Vorstände ein und feuert sie. Aber er lässt es nicht so weit kommen, dass sie mitten im Gefecht von sich aus hinschmeißen. Lehner hat bei ThyssenKrupp keine eigene Linie gefunden und so den Grundkonflikt zwischen der Stiftung auf der einen und den beiden aktivistischen Investoren CeVian (knapp 20 Prozent) und Elliott (unter 3 Prozent) auf der anderen Seite eskalieren lassen. Womöglich mutet sich der Vielfachkontrolleur zu viele Posten zu. Das Husch-husch macht sich irgendwann bemerkbar. Nach Guido Kerkhoffs (50) Kür zum Interimschef Mitte Juli hastete Lehner von Essen gleich weiter zur Telekom nach Bonn; Termine wurden kurzfristig abgesagt.

Lehner mag aktivistische Investoren nicht. Mit den Vertretern von Elliott führte er bislang nur ein Gespräch — anders als NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (57), der Elliott-Chef Paul Singer (73) schon länger kennt und ihn erst vor einiger Zeit wieder getroffen hat.

Ein Kandidat für die Hiesinger Nachfolge könnte dem ungleichen Duo Laschet/Singer gefallen: Stefan Kirsten (57). Der Mann war bis vor einigen Jahren Finanzvorstand bei ThyssenKrupp und arbeitete eng mit der Krupp-Stiftung zusammen. Zuletzt war er erfolgreich als CFO des Dax-Immobilienkonzerns Vonovia. Kirsten ist durchsetzungsstark und kann gut mit Finanzinvestoren. Der Manager wäre zu haben, ebenso wie Ex-Siemens-Vorstand Siegfried Russwurm (55), der auch im Gespräch ist. Andere wie Ex Linde-Chef Wolfgang Büchele (58; M+W Group), Matthias Zachert (50, Lanxess) oder Rolf Buch (53; Vonovia) müssten abgeworben werden. Osram-CEO Olaf Berlien (55), auch ein Ex-ThyssenKrupp-Vorstand, soll abgewinkt haben.

Eigentlich müsste Lehner den Weg jetzt frei machen, hatte man lange Zeit gedacht, damit er die Auswahl einem unbelasteten Aufsichtsratschef überlassen kann. Doch Vertrauten gab immer wieder  zu erkennen, so lange weiterzumachen, wie eine Mehrheit der Aktionäre hinter ihm stehe. Das ist nun allerdings nicht mehr gegeben, so dass Ulrich Lehner die Konsequenzen zog. Ein Abschied mit Anstand.

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