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Ruanda: Vom Schurkenstaat zum traumhaften Reiseland

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August 27, 2018 views254

Kigali/Ruanda. Nach gut 25 Jahren, in denen sich Ruanda als Folterstaat und Diktatur einen schlechten Namen gemacht hatte, konnte dieses schöne afrikanische Land nun seine Vergangenheit hinter sich lassen und ist zu einem Paradies für Urlaubsreisende aufgeblüht. Die beeindruckenden Landschaften und die unbelastete Natur ziehen immer mehr Reisende an, die Land und Leute kennenlernen möchten und die auch die unberührten Urlaubsstrände zu schätzen wissen. Das ostafrikanische Binnenland hat eine beinahe märchenhafte Entwicklung durchlaufen und seine Besucher schätzen seine Vulkane, die seltenen Tierarten und das herrliche Klima. Amtssprachen sind Swahili, Englisch und Französisch, so dass jeder Fremde im Land gut zurechtkommen kann.

Vielleicht muss man der Hölle entkommen, um einen solchen Garten Eden zu schaffen: Kleine Hütten an einem sanften Hang, feiner Strand, Palmen, die im Wind rascheln, all das umgeben von Regenwald, mit einem Blick auf einen tiefblauen wundersamen See im Herzen Afrikas.  Odette Nyiramilimo, 62, ehemalige Ärztin, hat im Ruhestand die Qushel Kivu Lodge anlegen lassen, hier in ihrer Heimat, im Westen Ruandas. Noch immer ist das kleine Land, nicht viel größer als Hessen, ein unbekanntes Reiseziel. Zu schwer wiegt noch seine Vergangenheit. Ruanda, das war der Ort des Genozids von 1994, als Hunderttausende ermordet wurden und andere, wie auch Odette Nyirarnilimo, nur unter abenteuerlichsten Bedingungen überlebten.

Knapp 25 Jahre später wird Ruanda autoritär geführt, aber hat sich zu einem sicheren, wirtschaftlich erfolgreichen Staat entwickelt — und zu einem der vielleicht schönsten Reiseziele Afrikas. Regenwald und Savannen, Großstadthype und die Geruhsamkeit des Dschungels, all das ist hier zu finden. Im Nordwesten können Besucher zu Berggorillas trekken, an der Grenze zu Tansania beherbergt ein Nationalpark Elefanten, Nashörner und Löwen. Am verwunschendsten aber ist Ruanda hier, in der Heimat von Odette Nyiramilimo, am knapp 90 Kilometer langen Kivusee. Schon die Reise dorthin bricht mit vielem, was man über die Region im Kopf hat. Plastiktüten etwa sind in Ruanda seit Jahren verboten, und so ist Kigali eine der saubersten Hauptstädte überhaupt. Ihre Hügel haben Restaurants bezogen, von ihnen geht der Blick weit übers Lichtermeer der Stadt. Die Route nach Westen zum See schlängelt sich durch Bananen- und Yams-Plantagen, erklimmt immer wieder aufs Neue die Hügel, die Landschaft gleicht einem Flickenteppich aus Feldern, Wäldern und leuchtend grünen Teeplantagen. Es wirkt, als habe man die Hügel der Toskana in die Höhe gezogen und in die Tropen verpflanzt. Nach dem Auf und Ab entfaltet der See eine sedierende Wirkung. Im Dunst am anderen Uferverschwimmen die Hügel des Kongo. In Kolonialzeiten galt der Kivusee als beliebtes Reiseziel, die Städte lockten mit Hotels, Promenaden, Stränden. Heute sind die Menschen hier wieder bemüht, die Schätze ihrer Heimat zu präsentieren.

Odette Nyiramilimo begann damit vor sieben Jahren. Sie kaufte im kleinen Örtchen Kinunu, wo sie aufgewachsen war, ein Stück Land und ließ dort die Rushel Kivu Lodge errichten. „Ich wollte Gästen die Chance geben, die Landschaft zu erleben“, sagt sie. „Aber es ging mir auch darum, dass die Menschen hier davon profitieren, nach alledem, was wir durchgemacht hatten.“ Odette Nyiramilimo und ihre Familie gehörten zu den etwa 1200 Menschen, denen Hoteldirektor Paul Rusesabagina das Leben rettete – die Geschichte wurde später als „Hotel Ruanda“ verfilmt. „Es war tatsächlich wie im Film“, erzählt Nyiramilimo, „am Ende tranken wir das Wasser aus dem Swimmingpool. Und Paul versuchte mit allen Tricks, die Milizen fernzuhalten. Vor allem indem er immer irgendwoher neuen Whiskey für die Männer besorgte.“ Odette Nyiramilimo und ihre Familie überlebten unversehrt, in einer der Übergangsregierungen wurde sie Ministerin, schließlich Senatorin und Mitglied des Parlaments ostafrikanischer Staaten. Heute, im Ruhestand, steckt sie ihre Energie in die Lodge, damit bietet sie 17 Menschen einen sicheren Arbeitsplatz.

Ihr Engagement ist typisch für viele hier. Gleich nebenan am See hat ein anderer ehemaliger Senator ein weiteres Hotel samt Kaffeefarm aufgebaut-Werwill, kann seinen Garten mit Ananas, Mangos, Avocados und Passionsfrüchten bestaunen oder auch die Kaffeefabrik: die Schälanlagen, die Waschbottiche, die Tische, auf denen die Bohnen drei Wochen trocknen müssen. Und natürlich seine Arabica-Mischung probieren: fruchtig-frisch, kaum Bitterstoffe. Neben Tee ist Kaffee eines der wichtigsten Exportprodukte.

Ruandas Regierung hat das Potenzial der Region erkannt und vor einigen Jahren einen Weg am Ostufer des Kivusees eröffnet: den knapp 230 Kilometer langen Congo Nile Trail. Die Strecke lässt sich in zwei bis drei Tagen mit dem Geländewagen abfahren. Noch beeindruckender ist die sportliche Variante: den Trail zu wandern oder mit dem Mountainbike zu fahren. Der Weg schlängelt sich durch Dörfer, über Bäche, an Wasserfällen vorbei, malverläuft er am Ufer, mal geht es die Hügel hinauf, fast immer ist der See im Blick: die unzähligen kleinen Inseln, die Landzungen, die sich weit hineinwinden. Manchmal trifft man andere Wanderer oder Radfahrer, aber noch hat man den Weg ziemlich für sich allein. Nur ein paar kleine Hotels säumen das Ufer. Zu den schönsten gehört, neben der Rushel Kivu Lodge in Kinunu, die Cormoran Lodge, einen Tagestrip weiter südlich in Kibuye, deren luxuriöse Hütten über einem dicht bewachsenen Garten hoch am Ufer thronen. Wenn abends der frisch gefangene Tilapia serviert wird, der Blick auf die Fischer geht, die schon wieder draußen sind in ihren Kånus mit den Auslegern, Spinnen gleich, die übers Wasser laufen, ist das Klischee vom Afrika des Chaos und der Armut plötzlich sehr weit weg. Und das Paradies ziemlich nah.