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Boston. Oft heißt das Motto: Komm mal runter, relax‘ mal oder entspann dich. Doch Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, dass zu viel Entspannung und meditative Ruhe den Arbeitsprozess und die Produktivität des Menschen lähmen können. Es gibt z.B. eine achtsamkeits-basierte Stress-Reduktion (nach Prof. Jon Kabat Zinn) die die Gedanken auf das Wesentliche lenkt und andere gedankliche Einflüsse ausschalten soll. Wer aber zu viel Meditation und Entspannungsübungen praktiziert, könnte sich selbst aufs kreative Abstellgleis manövrieren. Im Arbeitsleben ist das also eher kontraproduktiv als förderlich.

Eigentlich könnte David Brendel einfach schweigen und weiter gut verdienen. Aber irgendwie, findet er, ist die Sache außer Kontrolle geraten. Und deshalb warnt er inzwischen vor den Folgen einer Entwicklung, von der er selber profitiert. Brendel arbeitet als Psychiater und Führungskräftecoach in Boston. Wenn seine Klienten ihn in den vergangenen Jahren nach Wegen gefragt haben, um den beruflichen Alltag besser zu bewältigen, empfahl er ihnen meistens ein paar Stunden Achtsamkeit. Manche lehrte er Atemübungen. Andere verwies er an vertrauenswürdige Kollegen, an deren Trainings und Seminare. Brendel war überzeugt davon, das Richtige zu tun. Aber mittlerweile ist er sich da nicht mehr so sicher. „Meine Begeisterung für Achtsamkeit lässt nach“, schrieb er in einem  Beitrag für das US-Managementmagazin  „Harvard Business Review“. Weil er sich sorge  um ihre potenziellen Exzesse“. Damit ist er längst nicht mehr allein. Während Manager Achtsamkeit zum Allheilmittel gegen Stress erklären und Konzerne das firmeninterne Meditationstraining werbewirksam im Kampf um junge Talente einsetzen, warnen inzwischen auch andere Experten vor dem Hype um die innere Ruhe.

Dazu gehört etwa Niko Kohls, Professor für Gesundheitswissenschaften an der Hochschule Coburg. „Einige Unternehmen haben völlig unrealistische Erwartungen an solche Seminare“, sagt er, und: „Zwei Tage Meditationstraining reichen nicht, um den Krankenstand zu senken oder die Motivation der Mitarbeiter zu entfachen.“ Mehr noch: Mittlerweile gibt es Indizien, dass die Übungen negative Folgen haben. In einer Studie, die im Juli im Fachjournal „Organizational Behavior and Human Decision Processes“ erscheinen wird, schreiben die Forscher Andrew Hafenbrack und Kathleen Vohs: „Wir haben den ersten empirischen Beleg dafür gefunden, dass Achtsamkeit die Motivation senken kann.“ Jon Rabat-Zinn, inzwischen emeritierter Medizinprofessor an der Universität von Massachusetts, hat den Trend bereits in den Siebzigerjahren mit seiner Mindfulness-Based  Stress Reduction (MBSR) gesetzt. Bei der introspektiven Stressbewältigung soll der  Mensch seinen Körper im Liegen spüren und  im Sitzen seinen Atem, seine Gedanken und  Geräusche wahrnehmen, dazu kommen Yoga und Alltagsübungen: das Mittagessen bewusst einnehmen, in sich selbst hinein- und anderen besser zuhören.

Meditieren fürs Meeting

Nun ist gegen das buddhistische Religions- und Meditationsprinzip erst mal gar nichts einzuwenden, läuft es doch auf eine höchst anspruchsvolle Selbstverneinung, auf die Ruhigstellung des Willens, auf die Auslöschung aller Begierden und Leidenschaften hinaus. Doch in den vergangenen Jahren hat sich der Trend zu einer Industrie ausgewachsen, die den buddhistischen Ursprungsgedanken trivialisiert und banalisiert. Meditieren fürs Meeting hat es in den vergangenen Jahren aus der esoterischen Ecke in die Vorstandsbüros geschafft. Mit Achtsamkeitsübungen sollen die von digitalen Medien geplagten, ständig multitaskenden Angestellten wacher werden, stressfreier und entspannter. Abgeleitet von einer jahrhundertealten Meditationstechnik namens Vipassana, verschaffen MindfuIness-Experten gestressten Führungskräften wieder gedankliche Klarheit. So jedenfalls das Versprechen. Selbst wettbewerbsintensive Arbeitgeber wie Google und Goldman Sachs haben sich der Achtsamkeit verschrieben und bieten regelmäßig Kurse an, der Softwarekonzern SAP leistet sich sogar einen Director Global Mindfulness Practice. Peter Bostelmann konzipiert von seinem Arbeitsplatz im Silicon Valley firmeneigene Workshops, die im vergangenen Jahr mehr als 6000 SAP-Mitarbeiter absolviert haben.

Um die Aufmerksamkeit zu fördern und die Selbstwahrnehmung zu stärken, lauschen die Angestellten in Grüppchen Bostelmanns Stimme, schweigend und mit geschlossenen Augen. Immer wenn die Gedanken der Achtsamkeitsschüler abdriften, sollen sie sich auf ihren Atem zurückbesinnen. Das sei kein „esoterisches, spirituelles Voodoo“, sagt Bostelmann, sondern „pragmatisch und hilfreich“. Nur wer sich seiner Reaktion auf bestimmte Reize bewusst werde, könne sie auch im Moment der Reaktion hinterfragen, statt ihnen Pawlow-automatisch zu folgen. Damit Manager erst gar nicht auf die Idee kommen, Aufenthalte im Schweigekloster  oder Yoga-Hotel zum Netzwerken zu missbrauchen, gibt es in den USA Digital-DetoxCamps, bei denen der Austausch von Visitenkarten streng verboten ist. Und sogar das wichtigste Treffen der Wirtschaftseliten kommt seit einigen Jahren nicht mehr ohne das morgendliche Ommmm aus: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos können sich die Teilnehmer auf kleinen Holzhockern mit bunten Kissen vom Stress des Gipfels erholen — unter Anleitung professioneller Meditationsleiter, versteht sich. Alles gut gemeint — aber mitunter womöglich kontraproduktiv. Dieses Fazit ziehen  zumindest die Forscher Hafenbrack und Vohs in ihrer Studie, für die sie fünf Experimente mit mehreren Hundert Freiwilligen konzipierten. In einem Versuch teilten sie die Probanden per Zufallsprinzip in zwei Gruppen: Die einen lauschten einer 15-minütigen Achtsamkeitsübung, die sie gedanklich ins Hier und Jetzt zu versetzen versuchte. Die anderen sollten eine Viertelstunde lang ihren Gedanken freien Lauf lassen. Nun kündigten Hafenbrack und Vohs ein paar Aufgaben an. Doch bevor es losging, sollten die Testpersonen auf einer Skala angeben, wie motiviert sie waren und wie viel Zeit sie mit der Aufgabe zu verbringen gedachten. Und siehe da: Die Achtsamkeitsgruppe verspürte weniger Antrieb und wollte auch weniger Zeit investieren.

Zufrieden im Hier und Jetzt

Das selbe Resultat erhielten die Wissenschaftler in weiteren Versuchen, in denen die Probanden Ideen finden, Lebensläufe Korrektur lesen oder Texte abtippen sollten: Egal, ob die Aufgabe dröge war oder drollig, ob die Forscher sie vorab als schwierig oder simpel deklarierten — jedes Mal war die Achtsamkeitsgruppe weniger motiviert. Doch als ein unabhängiger Beobachter die Ergebnisse verglich, stellte er kaum Unterschiede fest: Achtsamkeit senkte den Antrieb, aber nicht die Leistungsfähigkeit — zumindest nicht bei den vergleichsweise banalen Tätigkeiten schnitten die Mitglieder der MindfulnessGruppe mindestens genauso gut ab. Hafenbrack erklärt sich das Ergebnis wie folgt: Bei Achtsamkeit gehe es darum, dass die Menschen mit dem Hier und Jetzt zufrieden sind — aber dafür müssen sie ihre Aufmerksamkeit von der Zukunft auf die Gegenwart richten. Doch dieser geistige Schwenk steht im Widerspruch zu Motivation — bei der es gerade darum geht, dass man es in der Zukunft besser haben will als in der Gegenwart. Anders formuliert: Achtsamkeit hält die Menschen so im Moment gefangen,  dass sie sich kaum etwas Schöneres vorstellen können — und zwar so sehr, dass sie sich gar nicht mehr anstrengen wollen. Aber egal, ob es um eine entscheidende Präsentation oder eine wichtige Prüfung geht: Menschen brauchen ein Quantum Unzufriedenheit, um sich anzustrengen, denn daraus ziehen sie erst Energie. Und die wird durch Meditation womöglich entzogen.

Dieses Problem kennt auch der US-Psychiater David Brendel. Er erinnert sich noch gut an eine Klientin, die so viel Zeit damit verbrachte, zu meditieren und die Dinge zu akzeptieren, dass sie Minderleistung ihrer Angestellten weder sanktionierte noch Mehrleistung honorierte. Und der es zunehmend schwerfiel, konzentriert und aufgabenorientiert zu arbeiten. „Achtsamkeitsübungen sollten die rationalen und analytischen Gedanken fördern“, sagt Brendel, „aber nicht ersetzen.“ Stress sei mitunter nun mal auch ein wertvolles Signal, das man nicht wegatmen solle.

Schädlicher Gruppenzwang

Außerdem erlebt er es immer wieder, dass der Hype um die Achtsamkeit zu einer Art Gruppenzwang führt. Keiner will es, aber alle machen mit, weil die Unternehmensspitze es einfordert — und damit nichts erreicht. Achtsamkeit wurzele vielmehr in einer Philosophie und Psychologie der Selbstwirksamkeit und proaktiven Selbstpflege, sagt Brendel: „Wenn man sie den Angestellten von oben aufzwingt, hilft das weder dem Ruf der Achtsamkeit noch den Angestellten.“ Hafenbrack und Vohs sind davon überzeugt, dass ihre Studie Lektionen für Arbeitgeber bereithält: „Wenn die Mitarbeiter vor oder während der Arbeit Achtsamkeit praktizieren, leidet darunter womöglich ihr Antrieb.“ Umso wichtiger sei, den Zeitpunkt der meditativen Auszeiten weise zu wählen. Auch bei SAP weiß man, dass die Techniken nicht jederzeit angebracht sind. Für manche habe sich das Radfahren zur Arbeit als guter Moment erwiesen, andere versuchen, achtsamer zu essen. Bostelmann gibt vor Meetings jedem Teilnehmer eine Minute Zeit, um anzukommen und sich voll auf das anstehende Thema zu konzentrieren. „Um Achtsamkeit lohnenswert einzusetzen, muss man sich selbst beobachten und herausfinden, was hilft und was nicht“, sagt Bostelmann, „zwangsverordnete Achtsamkeit würde nicht funktionieren.“

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