Dass Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder Putin als einer der Ersten zu dessen Wiederwahl gratulieren durfte, kann deshalb durchaus als Zeichen der Annäherung an Deutschland gewertet werden. Auch die amtierende Bundesregierung bemüht sich, das seit der Krimkrise unterkühlte Verhältnis zu Russland wieder zu verbessern.
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Moskau. Und er kann noch so souverän vor die Presse treten und noch so cool andere Staatsgäste düpieren, doch wer einen tatsächlichen Einblick in die russische Wirtschaft erhält, der muss feststellen, dass der „russische Bär“ gehörig in der Finanzfalle steckt. Das Land hängt wirtschaftlich und technologisch hinterher. Der schöne Schein vom starken USA-Kontrahenten verblasst mehr und mehr unter der Last der Sanktionen, die der Westen dem Kreml auferlegt hat.

Der Frühling in Moskau riecht nach frisch gesägtem Holz. Es ist Ende April. Noch sind die Bäume kahl und die Menschen in ihre dicken, dunklen Wintermäntel gehüllt. Doch vor den Restaurants und Cafés der Zwölf-Millionen-Metropole zimmern Handwerker bereits neue Terrassen für die schönste Jahreszeit von Ende Mai bis Ende Juni. Mit der Fußballweltmeisterschaft, die hier am 14. Juni beginnt, hat das jedoch nichts zu tun. Für das Turnier interessiert sich im Eishockey-verrückten Russland kaum jemand. Mit Ausnahme derjenigen, die an einem der elf WM-Spielorte eine Wohnung für mehrere Hundert Euro pro Nacht an ausländische Fußballfans vermieten und sich damit ein sportliches Zubrot verdienen können. Um Platz für die zahlungskräftigen Gäste zu machen, werden da schon mal die Schwiegereltern etwas länger auf der Datsche einquartiert.

Die zusätzlichen Devisen können viele Russen gut gebrauchen. Denn die Wirtschaft steckt seit 2014 in einer tiefen Krise, weil die Preise für die wichtigsten Exportgüter Erdöl und Erdgas weltweit eingebrochen sind. Durch den damit verbundenen Wertverlust des Rubels hat sich das Pro-Kopf-Einkommen fast halbiert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des größten Landes der Welt ist damit fast auf das Niveau von 2007 geschrumpft. Zum Vergleich: Die globale Wirtschaft hat in diesem Zeitraum um fast 50 Prozent zugelegt. Doch statt der Staatsführung die Schuld an der verlorenen Dekade zu geben, haben die Wähler Mitte März Präsident Wladimir Putin zum vierten Mal im Amt bestätigt. Der ehemalige sowjetische Geheimagent  bestimmt seit fast 18 Jahren abwechselnd als Präsident und Premierminister die  Geschicke des 144-MiIlionen-VoIkes, das sich auf 17 Millionen Quadratkilometer und elf Zeitzonen verteilt. Putins Erfolgsrezept. „Schaffe ein größeres Problem, damit die Leute nicht über Wirtschaft reden, sondern über Krieg“, erklärt Oppositionspolitiker Nikolai Rybakow das Erfolgsrezept Putins. Der Vize-Chef der linksliberalen Jabloko-Partei zählt die außenpolitischen Auseinandersetzungen während Putins vergangener Amtszeit auf: Besetzung der Krim, Krieg in der Ostukraine, die darauffolgenden Sanktionen des Westens, Militäreinsatz in Syrien und die verschlechterten Beziehungen zu den USA und Europa. Diese Themen haben das Programm der staatlich gelenkten TV-Sender vor der Wahl bestimmt — und damit das Bild Putins als starkes Staatsoberhaupt. Die acht anderen Kandidaten waren dadurch chancenlos, sagt Rybakow. Der prominenteste Putin-Gegner, Alexej Nawalny, durfte gar nicht erst antreten.

Die desolate Lage der Wirtschaft hat im Wahlkampf keine Rolle gespielt. Denn auf diese Probleme habe Putin „keine Antwort“, meint Rybakow. Statt die Erneuerung der Wirtschaft voranzutreiben und Innovationen zu fördern, hat sich innerhalb von zehn Jahren der Anteil staatlicher Unternehmen an der Wirtschaftsleistung auf 70 Prozent verdoppelt. Schuld daran sind neben der Wirtschaftskrise auch die Sanktionen des Westens, insbesondere der USA, die Geschäfte mit Kreml-nahen Oligarchen unter Strafe stellen. Viele Unternehmen sind deshalb auf staatliche Unterstützung angewiesen. Das Mitleid mit den betroffenen „Roten Direktoren“, die sich während der Privatisierungswelle der 1990er-Jahre bereichert haben, hält sich allerdings in Grenzen. Die Millionen von Arbeitsplätzen in den einstigen Staatskonzernen aber will Putin nicht aufs Spiel setzen. Denn die niedrige Arbeitslosigkeit ist ein essenzieller Bestandteil der politischen Legitimation des 65-Jährigen. Sicherheit und Wohlstand gegen Macht, lautet der stillschweigende Pakt zwischen dem Staatslenker und der Bevölkerung.

In seiner Antrittsrede am 7. Mai betonte Putin deshalb: Nun, da Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit des Landes garantiert seien, müsse der Fokus auf die innere Entwicklung gerichtet werden, um „einen wirtschaftlichen und technologischen Durchbruch“ zu erreichen. Bis 2024 soll die russische Volkswirtschaft die Nummer 5 in der Welt werden. Heute steht sie auf Platz 12, hinter Südkorea, Kanada und Italien. Um die heimische Ökonomie weiterzuentwickeln, müsse Russland die Abhängigkeit vom Öl verringern, schreibt der Internationale Währungsfonds (IWF). Dazu ist das Land auf Investitionen und Technologie aus dem Ausland angewiesen. Wie diese sogenannte Modernisierungspartnerschaft funktionieren kann, wird in der Industrieregion Kaluga deutlich, 190 Kilometer südwestlich von Moskau. In der Sonderwirtschaftszone hat seit dem Jahr 2000 Gouverneur Anatoli Artamonow das Sagen. Der brüstet sich damit, dass er Investoren als Erstes seine Handynummer gebe. In einem Land, in dem Korruption zum Alltag zählt, ist ein direkter Draht zur Lokalregierung für viele Firmen unbezahlbar. Außerdem hat Artamonow bei den hier angesiedelten Konzernen wie AstraZeneca, Nestlé und Volkswagen den Ruf, dass er seine Versprechen hält. Jaron Wiedmaier, Generaldirektor des Reifenherstellers Continental in Russland, kann das nur bestätigen. Der DAX-Konzern hat 2013 ein Werk in Kaluga eröffnet. Sämtliche Zusagen über die Erschließung des Geländes und den Ausbau der lokalen Infrastruktur wurden erfüllt. Das sei keineswegs selbstverständlich, sagt Wiedmaier, der seit 16 Jahren im Land arbeitet. Wenig später wird deutlich, was er damit meint. Je weiter man sich von der Fabrik des Reifenherstellers entfernt, desto tiefer werden die Schlaglöcher. Die Autos umfahren die Krater in großen Schlangenlinien.

Große Ungleichheit im Land

Hier wird auch deutlich, wie groß die Unterschiede zwischen der Metropole Moskau und den ländlichen Regionen des Riesenreichs sind. Die einstöckigen Holzhäuser, die am Straßenrand vorbeiziehen, wirken schlicht, obwohl die Region Kaluga dank der ausländischen Investoren prosperiert. Trotz der Kluft zwischen Stadt und Dorf ist der Rückhalt für Putin auf dem Land, wo knapp ein Viertel der Bevölkerung lebt, besonders groß. Die Kritik an der ungerechten Verteilung des Reichtums wächst jedoch. Eine Anfang Mai veröffentlichte Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada zeigt, dass 45 Prozent der Befragten es für ein großes Versäumnis Putins halten, nicht für eine gerechtere Einkommensverteilung zu sorgen. Kein Wunder, liegen doch 87 Prozent der Vermögenswerte des Landes in den Händen der oberen zehn Prozent, wie die Schweizer Bank Credit Suisse ermittelte. Um die negativen Auswirkungen der Sanktionen auszugleichen, hat die russische Regierung ihre Politik der Lokalisierung verschärft: Sie schreibt etwa ausländischen Autoherstellern vor, dass 60 Prozent der Wertschöpfung vor Ort erfolgen müssen, um als „made in Russia“ zu gelten und damit in den Genuss von Subventionen zu kommen. Andernfalls werden hohe Importzölle fällig. Doch die Qualität der lokalen Zulieferer lässt bisweilen zu wünschen übrig. „Wir erreichen das Ziel, aber es ist nicht einfach“, sagt Natalia Kostyukovich, Sprecherin von Volkswagen Russland, bei einem Besuch des Werks in Kaluga. Der Konzern produziert dort seit 2007. Doch seine ambitionierten Absatzziele hat das Unternehmen bislang nicht erreicht. Denn von der Krise 2014, als die russischen Autoverkäufe um 50 Prozent einbrachen, hat sich der Markt nie erholt.   Derzeit haben die Wolfsburger in Russland jedoch ein viel größeres Problem. Der russische Partner GAZ, der in einem zweiten Werk in Nischni Nowgorod im Auftrag von VW fertigt, könnte von den verschärften Sanktionen der USA betroffen sein. GAL-Eigentümer Oleg Deripaska steht auf der schwarzen Liste des amerikanischen Finanzministeriums. Zu den drohenden Konsequenzen will sich Sprecherin Kostyukovich aber lieber nicht äußern.

Enttäuschte Hoffnungen.

Doch die US-Sanktionen wirken wie Gift auf die Investitionen ausländischer Unternehmen in Russland. Diese hatten sich nach dem Einbruch in den Jahren 2014 und 2015 zuletzt wieder leicht erholt. Viele westliche Unternehmen hatten damals ihr Engagement in Russland zurückgefahren oder dem Land komplett den Rücken gekehrt. Putin wandte sich daraufhin verstärkt dem Nachbarn China zu, in der Hoffnung, vom Milliardenprojekt der Neuen Seidenstraße zu profitieren. Doch sein Enthusiasmus hat sich zuletzt merklich abgekühlt, weil China rigoros eigene Interessen verfolgt, statt eine Partnerschaft auf Augenhöhe mit dem einstigen sozialistischen Bruderstaat einzugehen.

Dass Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder Putin als einer der Ersten zu dessen Wiederwahl gratulieren durfte, kann deshalb durchaus als Zeichen der Annäherung an Deutschland gewertet werden. Auch die amtierende Bundesregierung bemüht sich, das seit der Krimkrise unterkühlte Verhältnis zu Russland wieder zu verbessern. „Wir werden für die großen Krisen unserer Zeit, von Syrien bis zur Ost-Ukraine, keine Lösung ohne die Einbindung von Russland finden“, betonte Außenminister Heiko Maas jüngst. Mitte Mai reist Kanzlerin Angela Merkel zu einem Treffen mit Putin nach Sotschi. In dem Kurort am Schwarzen Meer sind die Temperaturen bereits jetzt sommerlich warm. Vor dem dortigen WM-Stadion Fischt, in dem Mitte Juni die deutsche Elf gegen Schweden antritt, zimmern Handwerker neue Buden. Die Betreiber hoffen auf zusätzliche Einnahmen durch die mitgereisten Fußballfans. Es riecht nach frisch gesägtem Holz.

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