Die Mauerbienen arbeiten wie besessen, selbst bei leichtem Regen fliegen sie raus, sie wechseln, anders als Honigbienen, häufig die Bäume und sichern so eine gute Mischung im Genpool.
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Heilbronn. Fachleute und Wissenschaftler stehen schockiert der Tatsache gegenüber, dass viele Bienenvölker in Deutschland bereits ausgestorben sind und das Massensterben weitergeht. Noch ist Rettung möglich, aber dafür müssen vor allem die Bauern mitziehen und den Einsatz von Pflanzenschutz und Pestiziden einschränken. Deutlich einschränken, denn ohne die Bienen würde unser Öko-System zusammmenbrechen. Eine undenkbare Vorstellung einer Situation, der man dringend Einhalt gebieten muss. Etwa 25% der Bienenvölker in Deutschland sind seit dem Jahr 2000 ausgestorben. Es gibt dringenden Förderbedarf für junge Imker, um die Natur und die Bienen zu retten.

Jens Pistorius liebt die Bienen. Er sagt, jedes Bienenvolk sei einzigartig, miteigenem Charakter und eigener Identität. Er kennt jeden Millimeter am Bienenkörper, die sensiblen Fühler, die Gelenkhäutchen, die  Bauchbürste. Er kann sogar am Summen und Brummen der Insekten ihre Stimmung erahnen. Seine Erzählung klingt so anmutig, so schön. Nur eines stört: der Geruch. Bei Pistorius liegt ein Hauch von Verwesung in der Luft. Der Muff des Todes ist ihm ein wenig peinlich, doch sagt er, der gehöre nun einmal dazu. Der Mann,  der die Bienen so liebt, hat sich zur Aufgabe gemacht herauszufinden, warum so viele von ihnen sterben. In den Räumen neben seinem Büro, auch unten im Keller, überall stehen Gefrierschränke, jeder bis zum Rand gefüllt mit kleinen Plastikbehältern voller toter Bienen, Larven und grabesstiller Waben. Ein Horrorkabinett aus Leichen und verendeter Brut. Jens Pistorius leitet die Soko Bienentod — korrekt: das Institut für Bienenschutz, eine Forschungsstelle des Bundeslandwirtschaftsministeriums mit Sitz in Braunschweig. Es wurde erst vor zwei Jahren eigenständig, in einer Zeit, in der die Menschen in Deutschland immer drängender fragten: Warum verenden ganze Bienenvölker? Droht ein weltweiter Bienenkollaps? Werden uns gar Hungersnöte heimsuchen, apokalyptische Zustände wie in Maja Lundes Bestseller „Die Geschichte der Bienen“ beschrieben, wo die Bauern auf Leitern steigen, um jede einzelne Kirschblüte mit Pinseln von Hand zu bestäuben?

Mehr als 80 Prozent der Blütenpflanzen werden von Insekten und anderen Tieren bestäubt. Ohne die Pollenboten wachsen keine Äpfel, keine Birnen, keine Tomaten und kein Kaffee. Ein Supermarkt in Hannover räumte jüngst alle Produkte aus den Regalen, die es ohne Bienen nicht gäbe: Mehr als die Hälfte des Ladens stand leer. Es fehlten nicht nur Kirschen und Kiwis. Es fehlten auch Tiefkühlpizzen, Schokolade, Pflegecremes und Deos — alles Produkte, die Öl von Sonnenblumen, Raps oder Oliven enthalten. Es blieben zwar noch Brot, Cornflakes und Bier — Weizen, Mais und Hopfen werden vom Wind bestäubt —, doch die Kunden waren geschockt. Der Blick in die leeren Regale offenbarte eine einfache Wahrheit: Eine Welt ohne Bienen ist eine arme Welt.

Und ja, tatsächlich, dieser Alb wird gegenwärtig bedrohlich real. Die Bienen sterben — Millionen Tote, nicht nur Honigbienen, die Hälfte  der Bienenarten ist in ihrem Bestand gefährdet. Dutzende der mehr als 560 lebenden Spezies sind vom Aussterben bedroht — die Glockenblumen-Wespenbiene, die Geiß-Idee-Sandbiene, die Mohnbiene, die Goldene Steinbiene. Dass die Zahl der Honigbienenvölker nach Iangem Niedergang langsam wieder steigt, liegt daran, dass die Insekten als Nutztiere gezüchtet und gehätschelt werden. Dennoch verlieren die Imker in Deutschland zwischen 10 und 30 Prozent ihrer Völker pro Jahr. Sie werden von Krankheiten dahingerafft und — vom Menschen.

Sterben die Bienen, stirbt auch ein Großteil der übrigen Kriecher und Krabbler in Feld und Flur. In den bayerischen Isarauen schrumpfte die Artenvielfalt um 75 Prozent. In der Wetterau bei Frankfurt sind Feldgrashüpfer fast verschwunden. Im Rheinland stellten Forscher von 1989 bis 2016 an 63 Standorten Insektenfallen auf, der Rückgang beträgt über 80 Prozent. Im Leipziger Auwald ging der Wildbienenbestand seit 2000 um 90 Prozent zurück.  Im vergangenen Jahr landeten 144 Fälle auf Pistorius‘ Tisch. Eine typische Untersuchung läuft so: Ein Imker ruft an und meldet Bienenleichen. Pistorius rät ihm, den Tatort abzusperren und einen Fachmann vom staatlichen Pflanzenschutzdienst zu alarmieren. Der sammelt einige Dutzend toter Bienen ein und steht später als Zeuge zur Verfügung. Pistorius macht eine Leichenschau. Die Varroamilbe, einer der schlimmsten Bienenkiller, ist mit bloßem Auge zu erkennen. Fall geklärt. Keine Varroamilbe? Jetzt wird es kompliziert. Aus dem Haarkleid der Toten spült Pistorius mit einem Aceton-Wasser-Gemisch den Pollen aus, um unter dem Lichtmikroskop herauszufinden, was die Tiere zuletzt gesammelt haben, zum Beispiel: Raps. Jetzt wird nach dem Gift gesucht, zuerst mit einem einfachen Biotest. Lebende Larven der Gelbfiebermücke werden in das Waschwasser der toten Bienen gesetzt. Die Larven sind extrem empfindlich und sterben, sobald sie mit kleinsten Spuren von Insektiziden oder Schimmelgiften in Kontakt kommen. Wird Gift gefunden, folgen weitere Untersuchungen. Pistorius beauftragt den Pflanzenschutzdienst, in einem Radius von zwei Kilometern um den Fundort herum Proben von Raps zunehmen. Wenn der Raps mit einembienengefährlichen Pestizid gespritzt worden ist, landen Bienenleichen und Pflanzenproben in der Tiefkühltruhe — als Beweise vor Gericht, falls es zu einem Verfahren kommt. Meist aber einigen sich Imker und Landwirtgütlich. Ein fleißiges Bienenvolk sammelt im Jahr 40 bis 50 Kilo Honig, Großabnehmer zahlen für ein 1 kg rund fünf Euro, und also liegt der Marktwert eines Volkes mit 30000 bis 50000 Bienen bei rund 250 Euro.

In den vergangenen Jahren hat Pistorius viele Giftfälle gefunden, mal waren es 20, mal 50 Prozent der Bienenopfer — mit so vielen Tätern wie Tatmotiven: Da wird der Hobbygärtner zum Bienenmörder, weil er trotz Verbots das Ameisengift Fipronil auf die Terrasse streut; das Gift ist mit Zuckergranulat vermischt, Bienen lieben Süßes, naschen daran und sterben. Oder es vermengt mal wieder ein fauler Bauer das Mittel zur Insektenbekämpfung mit dem Mittel zur Pilzbekämpfung, um nicht zwei, sondern nur einmal über den Acker zu fahren; der Mix aus Pestiziden und Fungiziden wirkt auf Insekten verheerend. Oder es spritzt ein Landwirt Insektizide in blühende Kulturen, oder die Giftwolke verweht vom Acker in den umsummten Feldrain, es werden weiter endlose Flächen behandelt, besprüht — vergiftet.

Marktführer unter den Herstellern von Pestiziden ist der Chemieriese Bayer. Dort allerdings spricht  man lieber von „Pflanzenschutzmittel“. Zu den Verkaufsschlagern gehörten bis vor Kurzem Produkte aus der Gruppe der Neonicotinoide, kurz „Neonics“ genannt. Neonics sind Nervengifte, ähnlich dem Nikotin. Ein Teelöffel der Substanz könnte eine Milliarde Bienen töten — eine winzige Menge also 20000 große Völker. Das Gift gilt seit den Neunzigern als Wundermittel in der Schädlingsbekämpfung. Neonics lassen sich gut verspritzen.  Aber noch wirksamer sind sie, wenn schon die Samenkörner von Raps, Mais oder Zuckerrüben damit ummantelt werden, wie Erdnüsse von einer Schokoladenschicht. Durch das sogenannte Beizen schützt das Insektizid die Saat schon im Boden.  Der Keimling nimmt es auf, die Pflanze wächst und transportiert es bis in die letzten Blatt- und Blütenspitzen. Knabbern Insekten daran, fallen sie tot vom Stängel. Sammeln Bienen Nektar und Pollen, tragen sie das Gift in den heimischen Stock.  Neonic-Rückstände wurden in zahlreichen Honigproben gefunden.

Neonicotinoide sind berüchtigte Bienenkiller. Vor zehn Jahren kam es im Rheingraben zu einem dramatischen Unfall. Bei der Aussaat von gebeiztem Mais wehte der Wind Staub vom Acker in blühende Felder. 12000 Bienenvölker kamen um. In hoher Dosierung töten Neonics die Bienen sofort. Bei kleinster Dosis bereits können die Insekten ihr Orientierungsvermögen verlieren. Sie finden nicht mehr nach Hause.

Seit2012 debattierte man in Brüssel über ein Verbot. Die Chemie Lobby hielt lange erfolgreich dagegen. Viele Studien später und ein Jahrzehnt nach dem Massensterben wurde ein Großteil der Neonics vor wenigen Wochen EU-weitverboten.  Umweltschützer und Politiker feierten das Aus als Sieg. Siekönnten sich irren. Denn die Bauern spritzen weiter. Statt Neonics  füllen sie nun andere Pestizide in die Tanks, zum Beispiel Carbamate oder Organophosphate. Selbst bei Bayer heißt es, das sei Chemie der 70erJahre — ein großer  Rückschritt also .Außerdem bleiben  Neonics nach wie vor in Gewächshäusern erlaubt. Und Thiacloprid  darf sogar weiterhin im Freiland eingesetzt werden. Fauna und Flora verarmen Ob die Biene und mit ihr die Insektenwelt überlebt, hängt vor allem von den Agro-Riesen ab. Bayer, Monsanto oder BASF bestimmen, wie sich  die konventionelle Landwirtschaft entwickeln wird. Die Konzerne sind  Treiber und Getriebene zugleich .Sie haben in den vergangenen 50 Jahren  Landwirte in die Abhängigkeit von Pestiziden und Dünger gelockt. Der  ökonomische Druck stieg. Die Höfe wurden größer, Brachflächen verschwanden, Fauna und Flora verarmten, Agro-Wüsten entstanden — und soweit die Flügel auch tragen, darin finden Bienen keine Nahrung.

Nun aber stößt das Geschäftsmodell an Grenzen. Die Insekten sterben, Unkraut wird gegen Herbizide resistent, Felder und Seen sind überdüngt. Bei Bayer beteuern die  Chefs inzwischen: Wir haben verstanden. Kürzlich räumte Bayer Vorstand Liam Condon in einem Streitgespräch mit dem Grünen Politiker Robert Habeck ein: „Die Landwirtschaft arbeitet nicht ressourcenschonend genug.“ Er verstehe die Ängste der Menschen, „die  Angst, dass ein großes Unternehmen  noch größer wird, die Angst, dass  Landwirte abhängig werden, die  Angst, dass Innovationen auf Kosten  der Menschen, Tiere und Umwelt gehen“. Um „neue Lösungspakete“ zu  finden, schließen sich große Chemie-  und Saatgutkonzerne wie Bayer und Monsanto zusammen. In ihren Labors forschen sie an Bakterien, die Pflanzen gegen Schädlinge schützen. Sie entwickeln Roboter und Drohnen, die Insektizide nur dort versprühen, wo tatsächlich Schädlinge sitzen. Punktgenaue Behandlung statt Flächenabwurf. Das könnte ein Glück für die Bienen sein. Auf dem Versuchsgut-Höfchen im Bergischen Land betreibt Bayer seit 1942 Bienenforschung. Volkmar Krieg ist hier der Chef-Imker. Privat hält er 50 bis 70 Völker. Er erntet 50 Kilo pro Volk. Darauf ist er stolz. Krieg sagt: „Ich tu alles, damit es den Bienen gut geht.“ 20 weiße Versuchszelte leuchten an diesem sonnigen Vormittag strahlend hell gegen den blauen Himmel. Drinnen blüht der Raps. Unter jeder der exakt 50 Quadratmeter großen Hüllen lebt ein Bienenvolk. Es ist komplett von der Außenwelt abgeschlossen.

Zu den Aufgaben des Chef-Imkers gehört, neue Mittel an Bienen zu testen. Er muss sie also systematisch vergiften. Den Versuchsaufbau schreiben ihm die Zulassungsbehörden genau vor. Die Testbienen stammen von Geschwister-Königinnen ab, sodass sie genetisch möglichst ähnlich sind und die Ergebnisse nicht verfälscht werden. Krieg beobachtet akribisch das Verhalten der Tiere. Sammeln sie fleißig oder wirken  sie träge? Sitzen sie an den Zeltwänden, um dem Gift zu entkommen? Wie entwickelt sich die Brut in den Waben? Zweimal am Tag zählt Krieg die Toten. Die Entwicklung eines neuen Mittels kostet 250 Millionen Euro. Bei Bayer heißt es: „Zusammen mit der Pharmaindustrie gehören wir zu den Branchen, in denen am intensivsten geforscht und getestet wird.“ Das mag stimmen. Aber keine andere Industrie produziert Gift-Stoffe, die tonnenweise auf Wiesen und Feldern landen und ganze Ökosysteme gefährden. Wie der agro-industrielle Komplex in der Praxis funktioniert, erfährt man bei einer sogenannten Anbauberatung. Das sind Verkaufsveranstaltungen, zu denen die Konzerne ihre Kunden laden — und tunlichst nie die Öffentlichkeit.

Der Ostwind bläst an diesem Märztag der Inkognito-Recherche kalt über die Felder von Schleswig Holstein. Zwei Dutzend Großbauern sind gekommen. Man kennt sich. Der wirtschaftliche Druck ist groß, die Großabnehmer drücken die  Preise, die Verbraucher wollen möglichst wenig für Fleisch, Kartoffeln und Brotbezahlen. Die vergangenen Wochenwaren zu nass, zu kalt, der Raps steht kläglich, in der Wintergerste wohnen Pilze. Die Furchtvor Rapsglanzkäfer und Getreidehähnchen geht um. Was tun? Der Beraterverteilt Informationsmaterial. Das Motto auf dem Deckblatt klingt nach Krieg der Sterne: „Möge die Beratung BayDir sein“.  Auf den folgenden acht A4-Seiten wird den Bauern erklärt, wie sie Gerste, Weizen und Raps zu behandeln haben, selbstredend vor allem mit Produkten von Bayer: Dünger, Herbizide, Fungizide, Wachstumsbeschleuniger. So geht es weiter und weiter. Gift und Gift und noch mehr Gift.

Früher, da gehörte Felix Prinz zu Löwenstein auch zu den Jüngern des Giftes. Früher spritzte und düngte er auf seinen Feldern im hessischen Otzberg mit  allem, was die Agrochemie zu bieten hatte. Löwenstein sagt: „Schonwährend der Ausbildung wird einem eingeimpft, dass man als Bauer ohne Bayer und BASF nicht durchkommt.“ Löwenstein hielt sich viele Jahre an die Doktrin der Agrochemie. Bis zu jenem Tag im Frühling. Es war im Jahr 1990. Er fuhr gerade mit Traktor und Spritzfass über die Felder, das Fass schonhalb leer, da frischte der Wind auf, Regenwolken zogen heran, und Löwenstein wusste: Bei diesem Wetter darf das Mittel eigentlich nicht gespritzt werden, die toxische Wolke treibt zu weit über den Acker hinaus. Doch er fuhr weiter. Er ist sich bis heute sicher: „Kein Mensch kehrt mit halb vollem Spritzfass um, das Zeug muss raus, sonst korrodiert es.“ Als er schließlich auf den Hof zurückkam, quälte ihn ein einziger Gedanke: Das war falsch! Von diesem Tag an wandelte sich Löwenstein zum Ökobauern. Heute   ist er Vorsitzender beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Er geht über die knarrenden Dielen zum Schrank, mit einem Packen großer Kartenkommt er zurück. Die Papiere zeigen, wie aus dem konventionellen Hof ein Biohofwurde, auf dem Kartoffeln, Roggen, Weizen, Dinkel, Sojabohnen und zahlreiche Kräuter prächtig gedeihen. Von Jahr zu Jahr wird es bunter auf Löwensteins Feldern. Heute ist das Hofgut mit seinen 160 Hektar ein Paradies  für alle Bienen und Insekten.

Im Dorf hieß es, jaja, der Löwenstein, der könne sich das Öko-Getue  leisten. Als adliger Großgrundbesitzer schwimme der doch in Geld. Löwenstein sagt: „Denen ist gar nicht klar, dass ich gerade deshalb reich bin, weil ich Bio mache.“ Er legt Statistiken auf den Tisch. Sie zeigen: Der Umstieg auf Bio lohnt sich für fast alle Bauern. Die Kosten für Dünger und Spritzmittel sind geringer, die Preise für die Produkte aber deutlich höher. Löwenstein sagt: „Wer kühl kalkuliert, steigt aus der Agrochemie aus.“

Jeder zehnte Hof macht Bio Mehr und mehr Bauern erkennen inzwischen diese Chance. Schon heute arbeitet jeder zehnte Hof in Deutschland nach Biostandards — 30 000 Betriebe insgesamt. 2017 wechselten im Schnitt jeden Tag fünf Bauern ins Lager der Ökos. Der Umbau der Landwirtschaft käme allerdings noch schneller voran, wenn die EU-Beamten in Brüssel die richtigen Anreize setzten. Noch immer werden Agrarsubventionen wie Gifte versprüht — ungezielt und in rauen Mengen. Ein Bauer bekommt durchschnittlich 300 Euro pro Jahr für jeden bewirtschafteten Hektar, egal, wie er ihn behandelt. EU-weitwerden so jährlich 55 Milliarden Euro verteilt, etwa so viel, wie der Bund insgesamt für Umwelt, Naturschutz, Bildung, Forschung, Verkehr und digitale Infrastruktur ausgibt.

Biobauern, Umweltverbände und die Grünen fordern längst eine neue Verteilung der Steuergelder: Mehr für jene Bauern, die Tiere, Artenvielfalt und das Klima schützen. So könnte selbst die EU ohne Verbote zum Bienenretter werden. Bei Ravensburg am Bodensee blühen die Kirschbäume. Es ist noch früh am Morgen, das Thermometer zeigt sechs Grad. Joachim Arnegger will schauen, ob seine „Leiharbeiterinnen“ schon fleißig sind.  Am dritten Baum bleibt er stehen und lächelt. „Sie fliegen tatsächlich schon“, sagt er zufrieden. Honigbienen kommen erst aus dem Stock, wenn es wärmer wird, ab zehn bis zwölf Grad. Arnegger will aber keine wertvolle Zeitverlieren, Kirschen blühen nur zwei bis drei Wochen. Deshalb hat er sich ganz spezielle Bestäuber vom Schweizer Start-up-Unternehmen Pollinature schicken lassen: Es sind Wildbienen,  genauer: Gehörnte Mauerbienen. Für einen Nistkasten mit 500 Tieren zahlt er140 Euro.

Die Mauerbienen arbeiten wie besessen, selbst bei leichtem Regen fliegen sie raus, sie wechseln, anders als Honigbienen, häufig die Bäume und sichern so eine gute Mischung im Genpool. In Japanwerden bereits drei Viertel der Obstkulturen von Mauerbienen bestäubt.  Arnegger führt stolz durch seine drei Hektar große Plantage. In guten Jahren erntet er bis zu 20 000 Kilo Kirschen. Seine Ware verkauft er auf Märkten und an Verkaufsständen am Straßenrand, ohne Umweg über Genossenschaft oder Großabnehmer. Arnegger sagt: „Ich will mein   eigener Herr sein.“ Dieser Mann ist weder Giftspritzer noch Biobauer, er macht einfach vieles richtig. Und das ist gar nicht so schwer. An den Rändern seiner Obstplantagen lässt er Brennesseln und  andere Beikräuter wachsen. Totes Holz bleibt liegen und bietet Käfern und anderem Getier wichtigen Unterschlupf. Arnegger sagt: „Kein vernünftiger Bauer ruiniert sein größtes Kapital: den Acker, von dem er lebt.“ Und Arnegger zeigt: Auch jeder Bauer könnte zum Bienenretter werden.

 

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