Dabei sind im WDR-Funkhaus erschreckend wenige überrascht über die Enthüllungen. Es war doch allgemeiner Flurfunk, dass der Kollege Frauen nachstellte, sagt einer über den mittlerweile freigestellten Korrespondenten. Einige erzählen dann noch eine Episode, wie jener Kollege bei einem Oktoberfest des Bayerischen Rundfunks mit seinem Handy unter den Rock tanzender Frauen gefilmt und wütend reagierte habe, als ihn Kollegen aufforderten, das zu unterlassen.
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Köln. Der Westdeutsche Rundfunk Köln wurde bereits 1955 gegründet und ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts des Landes Nordrhein-Westfalen für Hörfunk und Fernsehen. Doch mit dem Recht, insbesondere mit dem Recht der Frauen auf körperliche Unversehrtheit, nahmen es die Köpfe des WDR nicht so genau. Beim WDR wurde vor wenigen Wochen öffentlich, was andere hinter vorgehaltener Hand mehrfach sagten – sexueller Missbrauch. Eine ehemalige Mitarbeiterin des WDR erzählt: “Es war immer wieder das gleiche Muster. Zunächst erfolgte die Einladung meines damaligen Vorgesetzten zu einem „unabhängigen“ Abendessen und wenn man nicht darauf einging, ist man sehr schnell in Ungnade gefallen.“

Mehrere Frauen erhoben Vorwürfe gegen diesen WDR-Mann, vor acht Jahren schon. Seither wissen die Mächtigen im WDR davon, doch der Beschuldigte machte auch danach noch Karriere. Bestraft wurde dagegen der Mann, der die Hinweise der Frauen an die WDR-Spitze weitergab und für Aufklärung sorgen wollte.

E-Mails und Briefe belegen, dass die Senderspitze bereits 2010 informiert war — und zu wenig unternahm. Die damalige Intendantin Monika Piel, der heutige Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und die heutige Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel waren in den Fall involviert. Oder wie es Hassel in einer E-Mail selbst formulierte: »die gesamte Hausspitze« sei »damit befasst« gewesen. Doch niemand von ihnen nahm sich der Sache angemessen an. Stattdessen hatten die Hierarchen, die sich hätten kümmern sollen, offenbar vor allem eines im Sinn: alles möglichst weit von sich zu schieben.

Acht Jahre später fliegt dem WDR die Affäre um die Ohren. Ausgelöst durch die #MeToo-Debatte und die dazugehörigen Enthüllungen trauen sich Frauen, Details zu erzählen, gegenüber dem WDR, aber auch gegenüber anderen Medien.

Hätte einer aus der Führungsspitze damals die Courage gehabt, sich der Fälle anzunehmen, wäre dem WDR die aktuelle Affäre zumindest in diesem Ausmaß erspart geblieben. Es wäre der Skandal zweier Mitarbeiter geblieben. Jetzt ist es eine Affäre WDR.

Der zweite nun bekannt gewordene Fall kam damals fast beiläufig ins Rollen. Ein Redakteur, der wegen einer anderen Geschichte mit seinen Vorgesetzten über Kreuz lag, bat im Februar 2010 die damalige Intendantin Piel um Hilfe — und erwähnte dabei auch, dass er von Fällen „sexueller Belästigung“ in der Auslandsredaktion erfahren habe.

Der Mann, um den es hier geht, selbst Auslandsreporter des WDR, sei vorsichtig und bedächtig vorgegangen, „auf jeden Fall integer“, das bestätigen andere Redakteure, die ihn kennen und zu der Zeit mit ihm in Kontakt waren. Er beriet sich mit Kollegen, wie er vorgehen solle, behielt den Namen des Beschuldigten aber für sich. Und wandte sich an die Intendantin, um das Problem zu lösen.

Piel, statt sich selbst zu kümmern, gab die Angelegenheit eine Stufe weiter nach unten, an Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff. Die bat ihn, Kontakt zwischen den Frauen, die sich ihm anvertraut hatten, und einer Personalrätin herzustellen. Die sprach dann mit den Frauen.

In einer E-Mail an Kulenkampff fasste die Personalrätin schließlich ihre Ergebnisse zusammen. Sie habe den Eindruck, dass es in der Auslandsredaktion „Vorkommnisse gab und noch gibt, die die jeweiligen Grenzen von Kolleginnen überschritten und verletzt haben, und somit als sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz bewertet werden könnten“. Sie habe von den betreffenden Frauen allerdings kein „Mandat“ bekommen, ihre Namen zu nennen, weil „die ganze Problematik für die betroffenen Kolleginnen extrem Angst und schambesetzt ist, und sie weiterhin Schutz in der Anonymität suchen“.

Es war, ohne Zweifel, eine schwierige Situation. Einerseits gab es deutliche Hinweise auf Fehlverhalten, andererseits bis dahin keine arbeitsrechtlich verwertbaren Vorwürfe. Dafür aber war es ein Warnsignal: Was ist los in einem Betrieb, in dem sich mögliche Betroffene sexueller Belästigung nicht aus dem Schutz der Anonymität trauen? Kann man ihnen nicht besseren Schutz bieten?

Diese Fragen schien sich beim WDR damals jedoch kaum einer zu stellen. Auch nicht die damalige Leiterin der WDR-Auslandsredaktion Tina Hassel, sie schob den Fall von sich weg.

Der Bericht der Personalrätin wurde ihr über die Fernsehdirektorin zugestellt. Hassel antwortete: „Ich muss … gestehen, dass mich das sehr ratlos zurücklässt.“ Sie könne versichern, dass sie solche Vorfälle, sollte es dazu gekommen sein, sehr ernst nehme und bei allem mithelfe, was zu einer schnellen und hundertprozentigen Aufklärung beitrage. „Andererseits sind die Andeutungen so vage, dass ich damit konkret leider beim besten Willen nichts anfangen kann.“

War Hassel nur ratlos, wie sie schrieb? Offenbar nicht. Denn einen Tag später musste sich der Reporter, der die Hinweise gegeben hatte, vor der Personalabteilung und vor seiner Chefin Hassel rechtfertigen. Er kassierte einen Rüffel. Schriftlich. Er wurde ermahnt, in Zukunft jegliche Vorwürfe „über angebliche sexuelle Belästigungen durch einzelne oder mehrere Mitarbeiter/innen“ in der Auslandsredaktion zu unterlassen.

Festgehalten wurde: „Es entspricht nicht den Tatsachen, dass sich einzelne oder mehrere Mitarbeiter/innen an die im Hause für solche Fälle zuständigen Ansprechpartner gewandt haben und Beschwerden über sexuelle Belästigung“ erhoben hätten. Einen Tag, nachdem die Personalrätin in einer Mail genau darüber berichtet hatte.

Es ist schwer, sich die Unternehmenskultur, in der so etwas möglich ist, anders als höchst hierarisch und düster vorzustellen. Die Hinweise auf Belästigung wurden, weil erst einmal anonym, eher achselzuckend abgeheftet — während der Mitarbeiter, der versuchte, auf Missstände hinzuweisen, zu einer Anhörung geladen, quasi der Lüge bezichtigt und getadelt wurde.

Der WDR teilt dazu mit, die „damals Verantwortlichen“ seien „den betreffenden anonymen Hinweisen intensiv und sorgfältig nachgegangen“. Die „Anschuldigungen“ hätten sich „weder entkräften noch belegen“ lassen. Es habe auch für die damalige direkte Vorgesetzte „keine Möglichkeit gegeben, konkrete Maßnahmen zu ergreifen“.

Dem Redakteur half es damals auch nicht mehr viel, dass die Personalrätin etwas später protestierte, weil im Schreiben der Personalabteilung »eine substanzielle Darstellung« fehle. Die Personalrätin machte darauf aufmerksam, dass der Reporter keineswegs eigenmächtig gehandelt habe, sondern von der Fernsehdirektorin beauftragt worden sei. Doch da war er offensichtlich schon als Nestbeschmutzer abgestempelt worden.

Die Betroffenen fühlten sich entmutigt. Eine von ihnen berichtet, dass ihr über die Gespräche mit der Personalrätin hinaus keine Versuche der WDR-Führung bekannt seien, ihr Vertrauen und das der anderen Frauen zu gewinnen. Etwa über einen externen Anwalt, der die Vorwürfe sammelt. Die Hierarchie habe sich stets als geschlossener Block präsentiert. Und als der Hinweisgeber abgestraft wurde, „sei jeder Frau klar geworden, hier will niemand, dass sich etwas ändert“.

Der Reporter kämpfte weiter. Er versuchte es ein Jahr später erneut, bei Jörg Schönenborn, damals Chefredakteur. Es war eine zweite Chance für den WDR. Sie wurde vertan.

Der Auslandsreporter erinnerte Schönenborn an den Bericht über sexuelle Belästigung, wollte, dass er ihn liest. Der Hierarch antwortete ausweichend. Er könne sich »ehrlicherweise nicht erinnern, ob ich damals den Bericht zur Einsicht bekommen habe«. Und gab zu: »Es entspräche den Gepflogenheiten und wäre ungewöhnlich, wenn das nicht passiert wäre.« Fast so, als ob solch ein Bericht nichts wäre, an das man sich erinnern müsse.

Und dann? Ist Schönenborn alarmiert? Nimmt er sich der Sache, die ja keine Kleinigkeit ist, an und liest den Bericht? Ob ich dies nachhole, schrieb Schönenborn in jener Mail, habe ich für mich noch nicht entschieden.

Das Spiel, in dem die Falschen bestraft werden, geht indes weiter. Ein Jahr später beförderte Schönenborn den Beschuldigten auf eine Korrespondentenstelle. Und sorgte mit dafür, dass der Reporter, der die Hinweise gab, eine solche nicht bekommt, das zeigen die Dokumente.

Der WDR teilt mit: Die Unterlagen, die Ihnen vorliegen, ergeben offensichtlich kein vollständiges Bild der Abläufe und Hintergründe. Man könne sich im Detail zu Angelegenheiten einzelner Mitarbeiter nicht öffentlich äußern. Dabei war es nicht das erste Mal, dass Schönenborn so unsensibel vorging. Er war es auch, der jenen WDR-Mann, der sich selbst Alpha-Tier nannte, auf prestigeträchtige Korrespondentenstellen schickte. Obwohl Schönenborn die Gerüchte über sexuelle Belästigung aus den Neunzigerjahren kannte. Sie seien in der Chefredaktion unter Jörg Schönenborn seit 2002 intensiv und ohne Ergebnis geprüft worden, teilt der WDR mit. Und Schönenborn sagt: Ich hätte mir gewünscht, dass ich die Informationen, die uns heute vorliegen, schon damals gehabt hätte. Denn mit dem Wissen von heute hätte man damals andere Entscheidungen getroffen.

Dabei sind im WDR-Funkhaus erschreckend wenige überrascht über die Enthüllungen. Es war doch allgemeiner Flurfunk, dass der Kollege Frauen nachstellte, sagt einer über den mittlerweile freigestellten Korrespondenten. Einige erzählen dann noch eine Episode, wie jener Kollege bei einem Oktoberfest des Bayerischen Rundfunks mit seinem Handy unter den Rock tanzender Frauen gefilmt und wütend reagierte habe, als ihn Kollegen aufforderten, das zu unterlassen.

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