Verwundbar ist Amazon zudem bei Regierungsverträgen. Vor fünf Jahren ging Bezos eine Kooperation mit der CIA ein und sagte dem Geheimdienst IT-Dienstleistungen zu. Der Vertrag gilt noch bis 2023, er soll ein Volumen von 600 Millionen Dollar umfassen.
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Washington. Sie können sich eigentlich kaum aus dem Weg gehen, wohnen beide doch nur knapp 10 Autominuten voneinander entfernt, seit sich Jeff Bezoz ein neues Anwesen in Washington gekauft hat. Reine Provokation, oder knallhartes Kalkül?

Das größte Privatgebäude von Washington steht nicht weit vom Zentrum der Macht entfernt, zum Weißen Haus sind es mit dem Auto zehn Minuten. Jeff Bezos, der Amazon-Chef und reichste Mann der Welt, hat das Anwesen gekauft, 2500 Quadratmeter Wohnfläche, für 23 Millionen Dollar. Er zahlte in bar. Bezos will bald häufiger in Washington sein. Es heißt, er suche Freunde in der Hauptstadt, und wenn das stimmt, sollte er sich beeilen. Denn einen mächtigen Feind hat er bereits: den Präsidenten. Seit Tagen giftet Donald Trump gegen Bezos‘ Firma. Amazon beute den US Postal Service aus, sagt Trump, und degradiere den staatlichen Brief- und Paketdienst der USA zu einem Botenjungen. »Im Durchschnitt verliert die Post 1,50 Dollar pro Paket, das sie für Amazon ausliefert.«

Trump hasst Amazon und dessen Vorstandsvorsitzenden. Berater sagen, der Präsident habe ein geradezu obsessives Verhältnis zu dem Konzern entwickelt und steigere sich regelmäßig in Wutattacken hinein. Dahinter steckt weniger Trumps angebliche Sorge um die staatliche Post, sondern sein Groll auf die »Washington Post«. Jeff Bezos kaufte die Zeitung vor viereinhalb Jahren für eine Viertelmilliarde Dollar. Trump geht davon aus, dass der Amazon-Chef das Blatt als politische Waffe gegen ihn einsetzt. Deshalb droht der Präsident dem Unternehmen. Deshalb verlangt er, Amazon solle der Post mehr bezahlen. Deshalb legt er sich mit einer der größten Firmen des Landes an — und mit dem reichsten Mann der Welt. Amazon hat laut Schätzungen allein in den USA 140 Millionen Kunden. Bezos‘ Vermögen wurde vor einem Monat auf mehr als 130 Milliarden Dollar taxiert. Wenn er den Konzern attackiert, so Trumps Logik, trifft er Bezos — und damit indirekt die »Washington Post«. Zwischenzeitlich knickte der Aktienkurs von Amazon um bis zu zehn Prozent ein, Bezos verlor kurzzeitig Milliarden Dollar. Aus Sicht des Präsidenten war schon das ein Erfolg im Kampf gegen einen Erzfeind. Trump versucht, mithilfe eines Psychokriegs Medienpolitik zu betreiben. Er verfolgt fast manisch, was über ihn geschrieben und gesendet wird. Interviews gestattet er meist nur noch dem konservativen Sender Fox News, während er Zeitungen wie die »New York Times« als »fake news« beschimpft. Dazu passt, dass die US-Regierung die Fusion zwischen den Medienkonzernen AT&T und Time Warner, zu dem unter anderem CNN gehört, blockiert. Trump verachtet den Sender. In Washington wird spekuliert, dass das Justizministerium die Übernahme bremst, um CNN zu schaden. Trump macht keinen Hehl daraus, dass er das Ministerium für seine Zwecke nutzt. Regelmäßig klagt er darüber, dass Justizminister Jeff Sessions nicht schärfer in die Russlandaffäre eingreift. Trump spricht gern von »meinen Jungs« im Ministerium.

Es ist nicht neu, dass amerikanische Firmen Kritik aus dem Weißen Haus zu hören bekommen. Schon Theodore Roosevelt hatte sich mit Industriemagnaten angelegt, die seinerzeit nach Monopolen strebten. John F. Kennedy kämpfte Anfang der Sechzigerjahre gegen die Stahlindustrie. Barack Obama kritisierte den Büroartikelhändler Staples, weil sich das Unternehmen um Beiträge zur Krankenversicherung gedrückt hatte. Trump aber betreibt eine Strategie der gezielten Einschüchterung. Er greift Medien an, die ihn und seine Regierung in Bedrängnis bringen. Vor zwei Wochen enthüllte die »Post«, Trump habe Wladimir Putin am Telefon gegen den Willen sämtlicher Berater im Weißen Haus zum Wahlsieg gratuliert — laut der Zeitung war Trump ein Zettel von seinem Team überreicht worden, auf dem in Großbuchstaben »nicht gratulieren« zu lesen war. Der Präsident habe sich schlicht darüber hinweggesetzt. Trump ärgert sich maß  los über solche Indiskretionen, die der »Washington Post« zugespielt werden. Am Donnerstag schrieb er

auf Twitter, die Zeitung sei der »Cheflobbyist« von Amazon. Doch seine Angriffsstrategie hat eine Schwäche. Trumps Argumente sind schlicht falsch. Es ist keineswegs so, dass der amerikanische Staatskonzern durch die Paketauslieferung Verluste einfährt, wie Trump behauptet. Im Gegenteil: Die US-Post leidet vor allem unter dem Rückgang des Briefverkehrs, und das seit Jahren. Die Verträge mit Amazon und anderen Onlinehändlern dämpfen sogar noch die Verluste. Voriges Jahr lieferten die staatlichen Postboten knapp sechs Milliarden Pakete aus. Amazon ist einer der wichtigsten Kunden des Staatsbetriebs. Das Problem ist, dass der Postal Service mit seinen 500 000 Mitarbeitern beinahe unreformierbar ist. Das Unternehmen hat die Aufgabe, das gesamte Gebiet der USA abzudecken, auch entlegene ländliche Regionen, die weniger profitabel sind als Großstädte. Analysten glauben, dass die Post deshalb mehr Geld von Onlinehändlern verlangen kann, trotz der privaten Konkurrenz von FedEx und UPS. Trump kann Jeff Bezos das Leben noch auf andere Weise schwer machen. Der Marktanteil von Amazon beim Onlinehandel beträgt inzwischen 44 Prozent. Der Präsident kann seinen Justizminister anhalten, Fragen des Kartell- und Wettbewerbsrechts zu untersuchen. Außerdem könnten sich Justizminister in den Bundesstaaten mit den Geschäftspraktiken des Konzerns beschäftigen. Trump weiß, dass es bei seiner Basis gut ankommt, wenn er Konzerne kritisiert, die in den USA kaum Steuern zahlen — selbst wenn seine Regierung noch im Dezember eine Steuerreform verabschiedet hat, die vor allem Großunternehmen zugutekommt.

Verwundbar ist Amazon zudem bei Regierungsverträgen. Vor fünf Jahren ging Bezos eine Kooperation mit der CIA ein und sagte dem Geheimdienst IT-Dienstleistungen zu. Der Vertrag gilt noch bis 2023, er soll ein Volumen von 600 Millionen Dollar umfassen. Zwar kann selbst der Präsident solche Deals nicht einfach aufkündigen. Aber er kann damit drohen, Amazon bei anderen Staatsaufträgen außen vor zu halten. Am Dienstag lud Trump IT-Manager zum Dinner ins Weiße Haus ein. Unter den Gästen war auch die Oracle-Direktorin Safra Catz. Das ist interessant, weil sich Oracle gerade einen Wettstreit mit Amazon um einen lukrativen Vertrag mit dem US-Verteidigungs-ministerium liefert. Laut Medienberichten klagte die Managerin beim Essen, dass das Ausschreibungsverfahren ungerecht sei, als wäre es auf Amazon zugeschnitten. Trump sagte nichts, hörte aber aufmerksam zu. Wie es aussieht, fängt für Jeff Bezos der Kampf erst an.

 

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