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Der Islam und die Wirtschaft

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Februar 14, 2018 views596

Riad. Die Männer bleiben politisch am Steuer, aber die Frauen dürfen wenigstens ans Lenkrad. 130 Jahre nachdem Bertha Benz der Erfindung ihres Mannes mit Probefahrten zum Durchbruch verholfen hat, kippt Saudi-Arabien das Fahrverbot für Frauen. Das Königreich, gegründet auf den Bund der Saud-Dynastie mit der erzkonservativen Wahhabiten-Lehre, modernisiert sich vorsichtig.

Ölpreiscrash und riesige Budgetdefizite erzwingen Reformen. Der junge Kronprinz Mohammed Bin Salman pusht den großen Wirtschaftsumbau, seine „Vision 2030″. Die Schlüsselfrage ist freilich, ob die Religion überhaupt ökonomische Dynamik zulässt, wenn kein Petro-Reichtum mehr sprudelt. Der Erfolg des Kapitalismus wird seit den Studien Max Webers oft mit der „protestantischen Ethik“ von Fleiß, Sparsamkeit und Bildungseifer erklärt. Liegt es also nicht auch an ihren Glaubensregeln, dass die islamische Welt jahrhundertelang zurückfiel?

Was die Wirtschaftswissenschaftler zum Thema „Islam and Economic Performance“ bisher herausfanden, hat der Ökonom Timur Kuran in einem neuen Paper zusammengetragen. Kuran wuchs auf in der damals noch strikt säkular regierten Türkei, als junger Dozent in den USA stieß er 1983 zufällig auf das kaum erforschte Thema. Zu seinem Metier gehören weder heilige Schriften noch Kulturbeschreibung; sondern die Analyse von Mechanismen, die erklären könnten, weshalb die 57 Mitgliedstaaten der Organisation für Islamische Zusammenarbeit 2014 im Schnitt nur auf ein kaufkraftbereinigtes Pro-Kopf-Einkommen von 10 015 Dollar kamen — nicht mal zwei Drittel des Weltniveaus und weniger als ein Viertel des Wohlstands der OECD-Länder (ohne Türkei).

Den schleichenden Abstieg der islamischen Welt seit dem Mittelalter erklärt Kuran vor allem mit der Starrheit und Enge ihrer Institutionen. Kapital wurde durch das Erbrecht immer wieder zersplittert und ließ sich dauerhaft nur in der Form frommer Stiftungen (Waqf) erhalten. Diese sind strikt an ihren ursprünglichen Auftrag gebunden, unternehmerische Neuorientierung im Laufe der Generationen ist kaum möglich.

Während der Westen ein Wirtschaftsrecht erfand, das — etwa mit der Aktiengesellschaft – sehr komplexe Transaktionen zwischen Fremden ermöglicht, blieb die islamische Wirtschaft von persönlichen Beziehungen abhängig. Geringes Vertrauen in Fremde bremst die Geschäfte bis heute. Die Spezialregeln des „Islamic Banking“, das sich auf das Zinsverbot beruft, richten zwar wenig Schaden an. Sie taugen aber auch nicht als originärer Wachstumsmotor. Es gehe letztlich um eine reine „Luftnummer“, urteilt Kuran: Gängige Finanzprodukte wie etwa Kreditkarten wurden erst verurteilt, später dann mit allerlei Verkomplizierungen als „islamische“ Variante nachgebaut. Das macht sie nur teurer, intransparenter und betrugsanfälliger.

Der Markt für islamische Anleihen (Sukuk), der nach der Finanzkrise boomte, ist längst wieder rückläufig. Auch die Saudis decken ihren Kapitalbedarf über konventionelle Bonds und nicht nur mit den „zinslosen“ Papieren, für die jeweils eine Art Sale-and Lease-Back-lmmobiliengeschäft konstruiert werden muss.

Westliches Wirtschaftsrecht setzt sich überall immer weiter durch. Die größte Wachstumsbremse steckt deshalb in den islamisch geprägten Bildungssystemen: Bildung für Mädchen ist dort ebenso suspekt wie kritisches Denken und Kreativität.

Der Islam, sagt Kuran, biete moralische Grundregeln, aber keinerlei „Blaupause für eine Wirtschaft des 21. Jahrhunderts“. Soll die Saudi-Reform gelingen, müssen die frommen Prediger auch das politische Steuer abgeben.