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Ritter Sport: Saures statt Süßes

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Dezember 15, 2017 views1300

Waldenbuch. Schon der Start in den Beruf kostete Andreas Ronken fast das Leben. Auf dem Weg zur Jobmesse in Köln rammte in den 90er Jahren eine Straßenbahn seinen Wagen. Extremsituationen sind seitdem ein treuer Begleiter. Auch als Chef des Schokoladenherstellers Ritter Sport wird es ihm nicht langweilig werden.

Vom Süßwarenriesen Mars wechselte Ronken Ende 2005 als Produktionschef in die Geschäftsführung von Ritter Sport. Dort hatte Mitinhaber Alfred Ritter gerade seinen CEO geschasst und die Führung selbst übernommen. Kaum schrieb der Konzern 2008 wieder schwarze Zahlen, meldete sich das Kartellamt und bezichtigte Ritter illegaler Preisabsprachen. Alfred tobte und drohte mit dem Ende des 1912 gegründeten Traditionsbetriebs. 2013 zahlte er zähneknirschend 7,8 Millionen Euro Strafe. Doch statt Frieden stellte sich das nächste Fiasko ein.

Die Stiftung Warentest behauptete, Ritter würde künstliche Aromastoffe einsetzen, ohne diese zu deklarieren. Der Aufschrei war gewaltig, am Ende obsiegte Ritter vor Gericht. Der Triumphator verabschiedete sich zurück in den Beirat und übergab zum Jahreswechsel 2014/15 an seinen treuen Begleiter Ronken. Den Umsatz hatte er bis dahin nahezu verdoppelt.

Leider blieb unterm Strich kaum etwas hängen. Seit 2014 schreibt Ritter sogar Verluste. Die jüngste veröffentlichte Bilanz weist für das Geschäftsjahr 2015 einen Umsatz von 485,2 Millionen Euro bei einem Fehlbetrag von 917 000 Euro aus. 2016 stagnierten die Erlöse. Blutet der Mittelständler aus?

Die Gefahr ist gegeben. Der deutsche Markt für Tafelschokolade schrumpft und ist hart umkämpft. Seit Jahren leistet sich Ritter (Marktanteil 25 Prozent) ein ungleiches Duell mit dem US-Multi Mondelez (Milka) um die Poleposition, die ständigen Aktionspreise im Einzelhandel drücken auf die Marge.

Ronken lächelt das weg. Der CEO, jugendlich, mit schwarzem Poloshirt und grauen Haarspitzen, will endlich raus aus dem Krisenmodus. Sein Führungsteam, das zuvor verstreut im Haus saß, hat er zusammengezogen und dem Betrieb das „Du“ verordnet. Ritter soll nicht nur wieder erfolgreich, sondern auch cool und anders sein. Das ambitionierte Vorhaben trägt den Titel „Schokolade 2025″.

Bis dahin soll der Erlös um über 50 Prozent auf 750 Millionen Euro steigen. Ronken setzt vor allem auf das Ausland, das heute rund 40 Prozent zum Umsatz beisteuert. Der in über 160 Ländern aktive Hersteller will in seinen Kernmärkten unter die fünfwichtigsten Anbieter vorstoßen.  Langfristig seien gar Werke in Russland, USA und China denkbar.

Dazu muss die Marke jünger werden. Mit der über soziale Medien vermarkteten Einhorn-Schokolade sorgte Ritter zuletzt für einen kleinen Hype, 2018 soll das Experiment in eine Digitalagenda münden.

Noch hat die Party nicht begonnen. Auch 2017, räumt Ronken ein, liege Ritter unter Plan. Statt der anvisierten 4 bis 5 Prozent Wachstum wäre er schon mit 1 bis 2 Prozent zufrieden. Immerhin, das Ergebnis soll positiv ausfallen.

Der Rückhalt der Familie ist ihm gewiss. Alfred Ritter und seine Schwester Martha Luise Hoppe-Ritter kontrollieren das Unternehmen gemeinsam mit einem Steuerberater. Jüngst haben sie ihre Anteile in der neu gegründeten R2 Holding gebündelt. Daran sind auch ihre fünf Nachkommen beteiligt.

Hoppe-Ritters Sohn Tim arbeitet als Einziger in der Firma. Der 38-Jährige hat 2012 begonnen, eine Kakaoplantage in Nicaragua aufzubauen, ab 2023 soll sie rund 30 Prozent des Produktionsbedarfs decken. Auf 1500 Hektar wachsen 1,5 Millionen Kakaobäume. Da der Regen ausblieb, sind die ersten Pflanzen vertrocknet. Das Projekt wurde um mindestens ein Jahr zurückgeworfen.

Ronken lässt sich auch davon nicht unterkriegen. „Wir sind jetzt Farmer.“ Im Februar will er mit seinen Gesellschaftern zur ersten Ernte einfliegen.