Indexfonds lassen Übernahmen scheitern

Die moralische Bewertung des Aktivisten-Booms überlasse ich Ihnen. In jedem Fall mehren sich die Signale, dass auch der Boom passiver Indexfonds „Nebenkosten" hat, die sich in keinem Fondsprospekt finden.

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München. Ende Juni gab es am Aktienmarkt zwei Ereignisse binnen 24 Stunden, die vordergründig nichts miteinander zu tun haben – tatsächlich aber eine entscheidende Gemeinsamkeit aufweisen: Am 25. Juni, einem Sonntag, gab der US-Investor Daniel Loeb bekannt, er halte nun ein Prozent der Aktien des Konsumgüterkonzerns Nestlé. Er gedenke, das Unternehmen dazu zu bringen, mehr für Aktionäre zu tun. Die Kampfansage eines sogenannten Aktivisten also. Nestlé-Aktien zogen gleich am Montag drauf um sechs Prozent an.

Taggleich gab der Pharmakonzern Stada bekannt, die Finanzinvestoren Bain und Cinven seien mit ihrem Übernahmeangebot gescheitert. Es fehlten rund zwei Prozentpunkte an der Mindestannahmeschwelle von 67,5 Prozent. Die Stada-Aktie brach um zehn Prozent ein. Mehr über Stada lesen.

Der gemeinsame Nenner beider Meldungen ist, dass der Boom passiver ETFs die Ausgänge entscheidend beeinflusst hat: Nestlé ist an der Börse ein Gigant mit rund 250 Mrd. Euro Börsenwert — der Einstieg eines Hedgefonds mit gerade einmal einem Prozent müsste ihn eigentlich nicht beeindrucken. Weil aber inzwischen immer mehr Geld bei nur einigen wenigen boomenden Indexfondsanbietern wie Blackrock, Vanguard und Co. liegt und sich dieser Konzentrationsprozess verstärkt, rückte Loebs Hedgefonds schon mit einem Prozent der Aktien zum achtgrößten Einzelaktionär auf. Und mit dem stellt man sich besser gut. Zwei Tage später gab Nestlé ein großes Aktienrückkaufprogramm bekannt.

Die Übernahme von Stada wiederum scheiterte, weil passive ETFs rund 14 Prozent an dem MDax-Konzern halten — und diese ihre Aktien nicht andienten. Schließlich wäre Stada im Falle einer Übernahme aus dem MDax geflogen.

Die Erfolgsgeschichte passiver Fonds, die schlicht einen Index abbilden, beginnt nun also, das Geschäft mit Fusionen und Akquisitionen zu behindern, welche langfristig (vielleicht) Wert schaffen. Und sie begünstigt Aktivisten, die kurzfristig (recht sicher) Erfolge verzeichnen: Während die Kurse der Zielfirmen von Aktivisten seit 2010 am ersten Tag einer „Kampagne“ um im Schnitt fünf Prozent stiegen, bewegen sie sich langfristig – also etwa im ersten Jahr nach Kampagnenstart – nicht besser als der Gesamtmarkt, auch wenn Aktivisten dies gern behaupten.

Man muss nicht studiert haben für die Erkenntnis, dass die hohe Chance auf schnelle Aktiengewinne die Fantasie von Spekulanten anregt, erst recht in Zeiten von Nullzinsen und einer sehr reifen Phase der Börsenrally, die nun ins neunte Jahr geht. Die Zahl der aktivistischen Kampagnen steigt weltweit Jahr für Jahr – und Deutschland ist ein kaum beackertes Feld: Lediglich zwei Kampagnen gab es im Jahr 2015, 2016 waren es bereits neun.

Die moralische Bewertung des Aktivisten-Booms überlasse ich Ihnen. In jedem Fall mehren sich die Signale, dass auch der Boom passiver Indexfonds „Nebenkosten“ hat, die sich in keinem Fondsprospekt finden.

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