Digitalisierung in der Landwirtschaft angekommen

Beim Mutterunternehmen Claas dagegen denkt man durchaus darüber nach, was mit den Informationen geschieht, die durch die eigenen vernetzten Maschinen anfallen.

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Hertefeld. Wenn es in Europa noch so etwas wie Pioniere gibt, dann ist Jan Derk Koning einer von ihnen. Mitte der 90er-Jahre kam der Holländer, ein großer, kräftiger Mann mit hellblondem Haar, nach Deutschland, in die frühere DDR. Sein Vater hatte einen Bauernhof in den Niederlanden, aber Koning hatte keine Lust, einfach im elterlichen Betrieb zu bleiben. Er wollte etwas Eigenes, Größeres. Das fand er im brandenburgischen Hertefeld: ein volkseigenes Gut, bis dahin für die Aufzucht von Rindern genutzt, heruntergewirtschaftet. Koning bewarb sich bei der Treuhand, bekam den Zuschlag und wurde Großgrundbesitzer. Heute gehört eine Fläche von 970 Hektar zu seinem Hof, er hat 300 Milchkühe und reiches Ackerland. Der Pioniergeist treibt Koning auch 20 Jahre nach seinem Start noch an. Heute allerdings geht es nicht um neues Land, sondern um Technik. Die acht Mitarbeiter auf seinem Hof verwenden mittlerweile alle Smartphones, auf denen eine spezielle App installiert ist. Die meldet ihren Aufenthaltsort, ihre Tätigkeit und deren Ergebnis an ein System für Farmmanagement, auf das Koning zugreifen kann. Auch die Maschinen auf dem Hpf sind eingebunden. Auf seinem Computer kann Koning jedes einzelne Feld mit seinen Erträgen sehen, er weiß, wo sich welcher Traktor befindet, und er sieht live die massive Regenfront, die sich gerade von Norden aus auf sein Land zubewegt. Koning zeigt auf das Handy, das in seiner großen, erdgebräunten Hand liegt: „Da schaue ich mehrmals am Tag drauf. Und dann plane ich, was als Nächstes passieren soll.“

Daten bringen Geld

Was in der Industrie längst zum Standard gehört, setzt sich in der Landwirtschaft gerade erst durch: IT-Systeme, mit denen die Arbeit kompletter Betriebe zusammengefasst und gesteuert wird. Etwa 85 Prozent der deutschen Bauern haben noch keine derartige Software, sie planen und werten ihre Arbeit noch mit Excel-Dateien oder der klassischen Zettelwirtschaft aus. Das kostet viel Zeit. Dabei ist die Dokumentation extrem wichtig: Ohne sie gibt es keine Direktzahlungen von der Europäischen Union, auf die die meisten Betriebe angewiesen sind. Zudem fordern Lebensmittelherstel1er immer öfter Informationen darüber, wo Weizen oder Zuckerrüben herkommen und womit sie behandelt wurden. Wer genauere Daten liefert, kann bessere Preise erzielen.

Landmaschinenhersteller wie Claas oder Amazone machen daher ihre neuen Geräte internetfähig, sodass sie eigenständig Daten senden können. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Pflugmaschinen können sich merken, wo sie eine Spur in den Acker gezogen haben, und dort später wieder ansetzen. Mähdrescher können die Qualität und Menge des geernteten Getreides auf einzelnen Feldsegmenten registrieren. Boden proben können entnommen und analysiert werden, um zu entscheiden, wo welcher Dünger und welches Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden muss. Die Vision: ein System, bei dem die Maschinen Daten aufnehmen, eigenständig verarbeiten und ihren Einsatz darauf abstimmen. Der Bauer wäre dann ein Manager mit Maschinenpark. Allerdings gibt es ein Problem: Landwirte kaufen nur sehr selten alle ihre Traktoren, Mähdrescher und sonstigen Geräte vom selben Hersteller. Der Holländer Koning hat etwa 30 Maschinen auf seinem Hof, und aufjeder steht ein anderes Logo. Eine Software, die nur eine Marke erkennt, brächte ihm gar nichts.

Abstand zum Mutterkonzern

CLAAS Im Herzen Berlins, am Hausvogteiplatz, sitzt Maximilian von Löbbecke. Grünes Sakko, verspieltes Einstecktuch, schwarzer Mofahelm auf der Ablage. Löbbecke ist Chef von 365Farmnet, dem Unternehmen, dessen System der Bauer Koning nutzt. Die Büroräume sind hell, mit großen Tischen und dem unvermeidlichen Kicker, der in jedem Start-up stehen muss. An Landwirtschaft erinnern nur die Kornfeld-Fotos hinter Löbbeckes Schreibtisch und der Kinder-Traktor im Vorraum. „Wir müssen hier sehr unterschiedliche Menschen zusammenbringen“, sagt Löbbecke. „Die meisten IT-Entwickler haben ja noch nie eine Kuh gesehen.“

365Farmnet ist eigentlich eine Ausgründung des Landmaschinenherstellers Claas aus Ostwestfalen. Aber so formulieren sie das hier nicht gerne. Löbbecke nennt Claas seinen „hundertprozentigen Investor“. Das klingt nicht nur wie eine Distanzierung, es ist auch genau so gemeint. Als sie bei Claas erstmals eine IT-Plattform hochziehen wollten, versuchten sie es zunächst innerhalb des Unternehmens. Das aber funktionierte nach Einschätzung beider Seiten nicht. Es kamen nicht die richtigen Leute, die Nähe zur Mutterfirma war zu groß, um eigenständig zu denken. Im Jahr 2013 wurde dann 365Farmnet gegründet, als eigenständiges Unternehmen, ohne Anschluss an die Claas-IT und mit viel Platz für eigene Ideen. Nicht einmal beim Vertrieb gibt es eine Zusammenarbeit. Der Versuch, das Angebot des Start-ups zusammen mit den Landmaschinen an den Mann zu bringen, wurde rasch fallen gelassen. Die Trennung von Mutter und Tochter hat einen entscheidenden Grund. 365Farmnet soll als offene Plattform funktionieren, an die andere Dienstleister und Maschinenbauer andocken können: ein Betriebssystem wie Android oder iOS, auf dem jeder Landwirt dann seine eigenen Apps nutzen kann.

Es ist Silicon-Valley-Denken — Löbbecke hat selbst schon Softwareunternehmen in Kalifornien hochgezogen und soll dieses Prinzip jetzt in Berlin fortsetzen. „Wir betreten da in jeder Hinsicht Neuland“, sagt er. Mit den entsprechenden Problemen: Da Landmaschinen oft Jahrzehnte im Einsatz bleiben, sind nur wenige Geräte jetzt schon vernetzt und sendefähig. 365Farmnet hat deshalb eine Box entwickelt, die auch die ältesten Maschinen ins Netz bringt: einen gelben Kasten von der Größe einer Brotdose, der auch beim Niederländer Koning im Traktor liegt. Geld verdient 365Farmnet mit seinen etwa 60 Mitarbeitern noch nicht, aber die Kunden kommen. Vor allem auf Messen findet die Plattform Interesse. Aus Deutschland, Polen, Frankreich. Von einer „satt fünfstelligen“ Nutzerzahl und einem jährlichen Wachstum von zehn Prozent spricht Löbbecke. Sein Geschäftsmodell: Das Basissystem kann kostenlos genutzt werden, für spezielle Wetterdaten, Düngeinformationen oder Routenplaner wird eine monatliche Gebühr fällig.Eins betonen Löbbecke und seine Kollegen immer wieder: Was mit den Daten geschieht, bestimmt jeder Landwirt selbst. Natürlich müssen die Kunden Informationen preisgeben, wenn sie eine bestimmte Anwendung nutzen wollen. Aber 365Farm-net nutzt dieses Datenaufkommen nicht, um daraus neue Dienstleistungen zu entwickeln. Die Berliner wissen, wie sensibel das Thema gerade in Deutschland ist und wie zurückhaltend die Branche, mit der sie es zu tun haben. „Wenn ich das Vertrauen der Landwirte nicht bekomme, habe ich verloren“, sagt Löbbecke.

Konkurrenz aus der Provinz

Beim Mutterunternehmen Claas dagegen denkt man durchaus darüber nach, was mit den Informationen geschieht, die durch die eigenen vernetzten Maschinen anfallen. „Die Daten, die daraus gewonnen werden, ermöglichen uns natürlich auch zu sehen, ob ein Modell generell funktioniert“, sagt Joachim Stiegemann, der bei Claas als Produktmanager E-Systems für die vernetzten Maschinen zuständig ist. „Und das fließt wieder in unseren Entwicklungsprozess.“ Man nutze aber nur „anonymisierte, aggregierte Daten“. Konkurrenz gibt es bisher nur wenig – allenfalls in den USA, wo es tatsächlich Farmen gibt, die nur Landmaschinen einer Marke kaufen und dann auch deren Software nutzen. Doch das Treiben von Claas und seinem Berliner Ableger hat inzwischen auch andere Unternehmen auf den Plan gerufen. Anfang 2014 setzten sich in Osnabrück die Geschäftsführer von sechs Mittelständlern aus der Agrartechnik zusammen. Es ist eine etablierte Runde: Schon seit Jahren treiben die Firmen den „Isobus“ voran, einen Standard für Datenübertragung in der Landtechnik. Diesmal aber ging es um mehr. Es sollte eine Plattform entstehen, mit der jeder, auch der Agrartechnikstudent mit seiner ersten App, Dienstleistungen direkt an den Landwirt bringen kann. Der Name des Projekts ist DKE Data Hub, das Kürzel steht für „Digitale Kommunikation und Entwicklung“. An den Start gehen soll die Plattform Anfang 2018. „Wir hatten den Eindruck: Wenn ein Hersteller die Marktteilnehmer allein mit seinem Produkt vernetzt, ist das nicht der optimale Weg“, sagt Jens Möller, Geschäftsführer von DKE. „Zusammenarbeit ist in der Landtechnik ein gängiges Prinzip.“

Inzwischen sind aus den sechs beteiligten Unternehmen zehn geworden, darunter auch solche aus den USA, Frankreich, Italien und Österreich. Das Ziel: ein neutrales, unabhängiges System für die Datenübertragung, an dem sich alle beteiligen können. Der Landwirt muss sich nur einmal anmelden und seine Maschinen und Apps einbinden. Die Anteilseigner lassen sich diese Idee etwas kosten. Mit der IT haben die Osnabrücker den Softwareriesen SAP beauftragt. Der liefert nicht nur ein Programm von der Stange, sondern entwickelt zum Teil eine Software, die auf DKE zugeschnitten ist. Mitmachen können sollen nicht nur Maschinenbauer, sondern auch Anbieter von Saatgut oder Pflanzenschutzmitteln. „Die große Frage ist doch, wie wir alle Beteiligten vernetzen können“, sagt Möller. „Da geht es nicht nur um Landtechnik, sondern um die ganze Wertschöpfungskette.“ Der Niederländer Koning würde sich freuen, wenn sein Hof in Brandenburg noch stärker als bisher vernetzt werden könnte. Schon jetzt kommt es immer seltener vor, dass er sich abends noch an den Rechner setzen muss, um Arbeitsergebnisse nachzutragen, da das meiste schon über den Tag hinweg automatisch registriert wurde. „Es sind sehr viel weniger Zettel geworden, darüber freut sich eigentlich jeder“, sagt Koning. Was mit seinen Daten geschieht, bereitet ihm anders als vielen deutschen Kollegen wenig Sorgen: „Wenn man nichts online haben will, darf man keine Fotos machen.“ Seine Plattform 365Farmnet kann Koning bisher nur für Ackerbau und Milchvieh nutzen. Das reicht fürs Erste, doch schon jetzt ist klar, dass bald immer mehr Daten anfallen werden. Die heute gehandelten Landmaschinen sind alle sendefähig und melden ihre Position. In zehn Jahren wird es kaum noch etwas anderes auf deutschen Höfen geben. Koning würde gern noch mehr per Smartphone arbeiten. „Wäre toll“, sagt er, „wenn man Überblick über die Biogasanlage hätte.“

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