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Darum befindet sich Sillicon Valley nicht in Deutschland

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August 7, 2017 views1594

München. Es waren drei kleine Meldungen, die aufhorchen ließen: Die Porsche SE, die die Stimmenmehrheit bei Volkswagen hält, hat Anfang Juni erstmals außerhalb der Autoindustrie investiert: in die PTV Group aus Karlsruhe. Der renommierte „PhD-Award“ von Google wird diesmal nicht nur an Eliteunis verliehen, sondern auch an die Informatikdoktorandin Franziska Mül1er aus Saarbrücken. Ebenfalls im Saarland entsteht das neue Helmholtz-Zentrum für IT-Sicherheit, wo 500 Spezialisten die Abwehr von Cyberattacken erforschen sollen.

Was genau macht ausgerechnet Karlsruhe und Saarbrücken, zwei mittelgroße Zentren am Südwestrand der Republik, so attraktiv?

Die Infrastruktur. In der saarländischen Provinz sitzen IT-Forschungsstätten von Weltruf: zwei Max-Planck-Institute sowie das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), das weltweit größte seiner Art. Karlsruhe beherbergt am Institut für Technologie (KIT) die älteste deutsche Informatikfakultät und zwei einschlägige Fraunhofer-Institute. Vervollständigt wird dieser KompetenzHotspot durch zwei weitere Provinzstädte: Darmstadt mit seiner traditionsreichen Technischen Universität und zwei Fraunhofer-Instituten. Dazwischen Kaiserslautern, ebenfalls mit TU, Fraunhofer-Forschern und einem DFKI-Ableger.

In diesem Cluster, das von der Bundesregierung seit 2010 mit etwa 40 Millionen Euro gefördert wurde, arbeiten rund 100 000 Menschen in 11 000 IT- und Softwareunternehmen, die sich vor allem der Digitalisierung der deutschen Industrie verschrieben haben. Wie im großen Vorbild Silicon Valley bilden auch im Südwesten Deutschlands die Hochschulen und Forschungsinstitute den intellektuellen Kern. Während in Berlin vor allem konsumentennahe Innovationen rund um ECommerce, Apps und Lieferdienste vorangetrieben werden, widmen sie sich im „Brain Valley“ der künstlichen Intelligenz (KI). Nur wenn die Deutschen diese Entwicklung beherrschen, können sie ihre ausgeprägte Industriestruktur dauerhaft bewahren.

Das Know-how ist beachtlich, doch mit der Kommerzialisierung ihrer Ideen tun sich die Forscher schwer. Noch fehlt es an Wagniskapital, Schlagkraft und einem Mastermind wie etwa in Paris. Die künstlichen Grenzen des Föderalismus machen es nicht leichter.

Dass die regionale Ballung einer Branche zum Wachstumsturbo werden kann, ist in der Wirtschaftspolitik spätestens seit den Arbeiten von Strategieprofessor Michael Porter ein Gemeinplatz: Räumliche Nähe befördert nicht nur den Informationsaustausch und die Vernetzung, sie erlaubt auch eine immer feinere Spezialisierung. Am Ende bildet sich ein Ökosystem aus Lieferanten, Konzernpartnern und hoch qualifizierten Kräften, die sich zu immer neuen Projekten zusammenschließen. Daraus entsteht die enorme Wirtschaftskraft von Clustern wie Hollywood, der City of London oder eben des Silicon Valley.

Tesla-Gründer Elon Musk hat die weltweit einzigartige Attraktivität des kalifornischen Hightechzentrums einmal in eine simple Formel gepackt: „Talent multipliziert mit Tatkraft multipliziert mit Chancen.“ Unternehmerisch wurzelt das deutsche Brain Valley in der Softwareindustrie: SAP entstammt dem badischen Walldorf, die Software AG sitzt in Darmstadt und die darin aufgegangene IDS Scheer in Saarbrücken.

Die Stars von heute arbeiten an jener „fundamentalen Transformation“, die die MIT-Forscher Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson in ihrem neuen Buch „Machine, Platform, Crowd“ beschreiben: Lernfähige Maschinen führen nicht nur Befehle aus, sie lösen komplexe Probleme und treffen am Ende bessere Entscheidungen als der Mensch. Sie sind dazu in der Lage, weil sie mit einer fast unbegrenzten Rechnerkapazität eine nahezu unbegrenzte Menge von Daten auswerten können. Daten, die von den Menschen auf Schritt und Tritt hinterlassen und über das Internet der Dinge ständig eingespeist werden.

„Mit der künstlichen Intelligenz, die es heute schon gibt, kann man 80 Prozent aller Arbeiten erledigen, die wir heute tun“, sagt Chris Boos, Geschäftsführer bei Arago in Darmstadt, einer der führenden KI-Firmen. Intelligente Maschinen entscheiden bereits über die Geldanlage von Hedgefonds oder werten Röntgenbilder und lange Texte aus.

Einer PwC-Studie zufolge könnte KI als volkswirtschaftlicher „Gamechanger“ bereits 2030 weltweit ein zusätzliches Einkommen in Höhe von knapp 16 Billionen Dollar generieren, das Vier- bis Fünffache der hiesigen Wirtschaftsleistung. Die neuen Produkte werden höherwertig sein, besser auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten — und etablierte Geschäftsmodelle zerstören.

Dabei wollen die Deutschen ein entscheidendes Wort mitreden und greifen auf die Expertise vor ihrer Haustür zurück. Die Darmstädter Software AG etwa kooperiert intensiv mit TU, DFKI, KIT und dessen Smart Data Innovation Lab. Ihr neuer Wissenschaftlicher Beirat speist sich aus Forschern des Clusters.

Auch bei der gerade von der Porsche SE übernommenen PTV Group aus Karlsruhe helfen die Wissenschaftler, Big Data und künstliche Intelligenz zu verzahnen. Die Firma will den Straßenverkehr mithilfe von Algorithmen künftig so lenken, dass die Softwaresysteme anhand der anfallenden Daten selbst erkennen, wann die Blechlawinen wo rollen. Entsprechend schalten sie dann die Ampeln, um Staus zu vermeiden. Weltweit nutzen bereits 2500 Städte die Software von PTV.

Aus Sicht von Produktentwickler Frank Felten zwingt das KI-Zeitalter den Unternehmen mehrdimensionale Geschäftsmodelle auf. Wer sich da nicht maximal vernetze, sei „morgen tot“. Die Porsche SE hat das erkannt und für PTV gleich das Dreifache des Jahresumsatzes hingelegt.

Blue Yonder, ebenfalls in Karlruhe ansässig, ist noch enger mit dem KIT verbunden: Co-Gründer Michael Feindt lehrt dort als Professor. Die 130-Mitarbeiter-Firma entwickelt Software, mit deren Hilfe Handelsgrößen wie Otto, Bon Prix oder Kaufland die Nachfrage vorhersagen können und so in der Lage sind, die jeweils optimalen Preise zu setzen. Feiertage oder das Wetter fließen bei Blue Yonder ebenso in die Prognosen ein wie Rabatte der Wettbewerber. Es geht darum, „Waffengleichheit mit Amazon zu schaffen“, sagt Feindt.

Während Blue Yonder sich mit 75 Millionen Dollar vom Finanzinvestor Warburg Pincus pimpen ließ, wollen andere Startups keinen Wagniskapitalgeber in ihren Eignerkreis hineinlassen. Die Skepsis gegenüber Wachstumsdrogen sitzt tief.

Das KIT-Spin-off ArtiMinds Robotics etwa, das Dax-Größen wie Siemens und Daimler zu seinen Kunden zählt, hat eine Art Windows für Greifarme entwickelt. Derzeit muss jeder Roboter noch mühsam Zeile um Zeile mit individuellen Programmiercodes gefüttert werden. Kürzlich hat Arti-Minds 1,5 Millionen Euro eingesammelt, um die US-Expansion finanzieren zu können. Eigentlich wären die vier Gründer lieber ganz ohne Investoren ausgekommen. Ihr Vorbild ist Schraubenmilliardär Reinhold Würth, der Fremdkapital am liebsten aus dem Weg ging.

Doch wer gegen die Silicon-Valley-Giganten antritt, muss schnell sein. Sonst wird er überrannt. Es genügt nicht, wenn Gründer lediglich auf Stipendien und regionale Kleckerprogramme zurückgreifen können und ein paar günstige Räume zur Verfügung gestellt bekommen, wie Philip Kessler.

Der Co-Gründer von understand.ai, kurze Hose, Skatershirt, KIT-Student, hat mit seinen Partnern eine Software entwickelt, die autonomen Fahrzeugen das Sehen erleichtert. Das Programm produziert für Algorithmen Trainingsbilder, indem es darauf Straßenschilder, Fahrzeuge oder Menschen kennzeichnet. Google oder Tesla beschäftigen noch Armeen von Klicksklaven, die Fotos im Akkord markieren. Kessler will das ändern. Immerhin, Volkswagen ist bereits Kunde.

Die Wagniskapital-Phobie liegt auch an der Mentalität im Brain Valley. Die Gründer haben zumeist Informatik, Technik- oder Naturwissenschaften studiert, unternehmerische Risikobereitschaft gehört nicht zu den Lernzielen. Für sie stehe das Produkt im Vordergrund, sagt ein Mitarbeiter vom Karlsruher Wagnisfinanzierer.

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