Tesla-Durchbruch steht bevor, aber auch in Deutschland?

Elon Musk sah es anders. Am 18. April schickte er seinen Angestellten einen Brief nach Prüm. Bei Tesla ordne sich alles der Mission unter, den Übergang zu nachhaltiger Energie zu beschleunigen.

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Prüm. Der Wagen gilt quasi als das Coolste, was es für Geld zu kaufen gibt. Trotzdem haben sie ihn bei der Grenzlandschau ganz hinten versteckt.

Auf der Handelsmesse im rheinland-pfälzischen Prüm präsentieren lokale Unternehmen ihre Produkte. Kettensägen, Boxspringbetten, schalldichte Fenster. Doch in diesem Jahr parkt da eben auch dieses Auto, schwarz lackierter Luxus, auf der Schnauze ein silbernes T: ein Tesla. Der Wagen steht an einem kleinen Stand in Zelt zwei, letzte Reihe, neben den Rasenmähern. Man läge nicht ganz falsch, würde man sagen: Tesla ist jetzt in Prüm — aber sie wissen dort nicht so recht, wohin mit ihrem Glück.

2016 hat der US-Hersteller von Elektro- und Hybridautos für angeblich 150 Mio. Dollar einen Hidden Champion aus der Eifel gekauft: Grohmann Engineering. Kunden wie BMW oder Daimler schätzen den Maschinenbauer für seine automatisierte Fertigungstechnik, etwa Anlagen für den Zusammenbau von Batterien. Für Tesla Motors ist es die erste große Übernahme. Fortan soll Tesla Grohmann Automation, so der neue Name, die Produktion des Model 3 voranbringen, das Tesla den Durchbruch auf dem Massenmarkt bescheren soll. Im Juli geht es los.

Bis dahin wollen noch zwei Welten miteinander versöhnt werden: Prüm in der Eifel, 5 500 Einwohner, Sitz einer Volkshochschule, eines Freizeitbads sowie einer prächtigen Benediktinerabtei aus dem achten Jahrhundert, in der der Frankenkaiser Lothar I. bestattet wurde. Und Tesla, 13 000 Mitarbeiter, 50,3 Mrd. Dollar Marktkapitalisierung, Sitz in Palo Alto – und seinerseits gelenkt von einem Herrscher, der sich anschickt, ein Reich zu erobern.

Elon Musk: Posterboy des Silicon Valley. Der Mann, der E-Autos sexy machte, Menschen mit 1 200 km/h durch Röhren schießen will und in der Wüste Nevadas die größte Fabrik der Erde baut, um mehr Lithium-Ionen-Akkus herzustellen als der Rest der Welt zusammengenommen. Ein Visionär, der in die Zukunft drängt. Schnell und wendig. Ohne Grenzen. Ohne Fesseln. Und genau diese Geisteshaltung, so zeigt sich, ist das Problem. Zumindest in Prüm.

Zur Pressekonferenz hat die IG Metall ins Bistro des Prümer Hallenbads geladen. Plastikefeu rankt über die Theke, in einem Regal verstauben Enten aus Keramik. Die Wirtin hat Physalis, Weintrauben, Blaubeeren zu kleinen Kunstwerken arrangiert und vor den Journalisten platziert. Drei Fernsehteams sind gekommen, eine Handvoll Lokaljournalisten, Vertreter mehrerer Magazine und einer Nachrichtenagentur.

Patrick Georg, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Trier: „Wir wollen einen Tarifvertrag, einen Standort- und einen Zukunftssicherungsvertrag. Betriebsbedingte Kündigungen ausschließen, Mindestarbeitnehmerzahl festschreiben.“

Christian Schmitz,  Bevollmächtigter und Kassierer der IG Metall Trier: „Tatsache ist, wir haben in Deutschland gesetzgeberische Mindeststandards, die einzuhalten sind.“ Heidi Schroth, Bezirkssekretärin der IG Metall Mitte in Frankfurt: „Elektromobilität darf es nicht zu Dreiviertellöhnen geben.“

Tesla und Grohmann, das klang nach einer Traumhochzeit: Ingenieurskunst made in Germany, gepaart mit Ideen made in California. Was zu Anfang wohl kaum jemand bedachte: Es klingt auch nach einer Kollision von bundesrepublikanischer Mitbestimmung mit dem US-Kapitalismus. Nach einem Kulturkampf Deutschland gegen Amerika.

Dabei hatte alles verheißungsvoll angefangen. Am 8. November 2016 verkündete Tesla nicht nur die Übernahme, sondern machte auch eine Reihe Versprechen: Prüm werde als Basis für die Produktion in Deutschland dienen, weitere Standorte würden folgen. Innerhalb von zwei Jahren werde Tesla hierzulande 1000 hoch qualifizierte Jobs schaffen, allein 300 davon in Prüm. Und dann kam auch noch Elon Musk persönlich vorbei und umgarnte die Mitarbeiter in einer Kantinenrede.

„Wir sind recht froh gewesen, als wir vernommen haben, dass wir einen neuen Unternehmer bekommen“, sagt der Betriebsratschef Uwe Herzig. „Wir waren großartig aufgestellt, hatten die Créme de la Créme der Industrie als Kunden, die Marktsituation war fantastisch. Aber wir brauchten Investitionen.“

Herzig, grauer Bürstenschnitt, Brille, ist seit über drei Jahrzehnten im Betrieb. Ein zurückhaltender Typ, der erst auf Nachfrage durchblicken lässt, dass er nicht nur wegen der Aussicht auf frisches Geld „recht froh“ über Teslas Einstieg war.

Grohmann Engineering ist die Schöpfung eines Mannes. Klaus Grohmann hat das Unternehmen 1963 gegründet und seither die Expansion vorangetrieben. „Unsere Strukturen aber sind nicht mitgewachsen“, sagt Herzig. „Es war eine – wie soll ich das ausdrücken – sehr besondere Art von Unternehmensstruktur. Unternehmergeführt.“

Ein Organigramm habe er jahrelang verlangt, aber nie bekommen. Zuständigkeiten und Berichtswege seien unklar gewesen. Alles lief auf den Patriarchen zu, der allgewaltig herrschte. Auch über die Zeit seiner Mitarbeiter: „Für Grohmann hatte der Tag 24 Stunden, da konnte man auch 24 Stunden arbeiten“, sagt Herzig. „Dieses Jahr haben wir beispielsweise den 1. Mai frei. Das wäre früher nicht zwangsläufig so gewesen.“

Was schlecht für die Belegschaft war, war gut für das Geschäft. „Es war immer eine der Besonderheiten der Firma, dass sie ungeheuer schnell und flexibel reagieren kann“, erzählt Aloysius Söhngen, der Bürgermeister von Prüm.

Den Arbeitnehmern erschien die Übernahme als perfekte Gelegenheit, die Gewichte zurechtzurücken. Transparentere Strukturen. Ein geregelter Arbeitsalltag. Und: mehr Geld. Grohmann Engineering war noch nie tarifgebunden. Laut der IG Metall liegt das durchschnittliche Einkommen in dem Betrieb 25 bis 30 Prozent unter dem Tariflohn.

Es ist erklärte Politik der Gewerkschaften, mehr Betriebe in die Tarifbindung zurückzuholen. Man darf vermuten, dass ein so schillernder US-Konzern wie Tesla Motors da besonderen Ehrgeiz weckt. Zudem ist die IG Metall in den traditionellen Autokonzernen eine Macht. Wenn die Elektromobilität den VWs und Daimlers aber früher oder später ernste Konkurrenz machen sollte — wäre es dann nicht von besonderer Dringlichkeit, gerade in den Unternehmen von morgen frühzeitig einen Fuß in die Tür zu bekommen?

Schon vor Tesla habe die IG Metall unter den 680 Grohmännern eine dreistellige Zahl Mitglieder gezählt, sagt Gewerkschaftssekretär Georg. Seither sei sie deutlich gestiegen und liege mittlerweile bei rund der Hälfte der Belegschaft. Derart gestärkt, verlangte die IG Metall Anfang März die Aufnahme von Tarifverhandlungen. Doch Elon Musk hatte ganz andere Pläne, wie es bei Tesla Grohmann weitergehen sollte.

Weder bei der Grenzlandschau noch beim Prümer Sommer noch beim Neujahrsempfang, wo alle Honoratioren auflaufen, hat man Klaus Grohmannje gesichtet. Er lebt zurückgezogen. Das Telefon hebt er nicht ab. Aber man kann ihn besuchen.

Dafür durchfährt man ein über milde Hügel hingestreutes Eifeldorf, biegt beim Kriegerdenkmal ab und kurvt eine Straße hinauf. Oben auf der Anhöhe steht ein Wald, und darin ein Haus, nein, ein Anwesen wie eine kanadische Mountain Lodge: das Untergeschoss aus groben Feldsteinen, die Wände aus Baumstämmen, dahinter Pferdekoppeln.

Grohmann öffnet und schiebt die beiden freundlichen Hunde beiseite. Ein vitaler Mittsiebziger, breites Kinn, Freizeitjacke. Er ist überrascht ob des unangekündigten Besuchs und unschlüssig, ob er reden soll. Am wichtigsten, deutet er an, sei ihm der Erhalt seines Lebenswerks. Auch wolle er unter den Mitarbeitern nicht noch mehr Unruhe stiften. Schließlich willigt er ein, eine Nacht über die Frage nach einem Interview zu schlafen. Am nächsten Tag sagt er ab: Mit Tesla sei eine Informationssperre vereinbart, „und im Moment möchte ich mich daran halten“.

Es arbeitet in ihm, dass die Kalifornier ihn einfach vor die Tür gesetzt haben. Zunächst war er als Geschäftsführer im Amt geblieben. Doch dann kam am 31. März Teslas Technikchef Jeffrey Straubel vorbei. Am Morgen habe Grohmann noch an seiner Rede für die auf den Nachmittag angesetzte Betriebsversammlung gefeilt, heißt es. Doch nach einem Lunch mit Straubel sei er nicht mehr in die Firma zurückgekehrt.

„Die offizielle Aussage von Tesla war, dass Herr Grohmann sich entschieden hat, in Ruhestand zu gehen“, sagt Betriebsratschef Herzig. „Das war’s.“ An diese Version glaubt niemand. „Herr Grohmann war der Meinung: Der Musk hat das Unternehmen nur gekauft, wir machen alles weiter wie bisher“, sagt jemand, der es gut mit ihm meint. „Der hat nicht verstanden, dass Musk die Ziele des Unternehmens Tesla vertritt.“

Denn was Tesla nun verkündete, kann Klaus Grohmann nur verprellt haben. Künftig werde Tesla Grohmann Automation nur noch für Tesla Motors produzieren. Die Verträge mit den anderen sorgsam gehegten Kunden würden gekündigt. Das missfällt vielen im Betrieb. Ihr Unmut stieg durch den Umstand, dass aus den versprochenen 300 Neueinstellungen bisher nichts geworden ist. Auf Nachfrage betont Tesla stattdessen, dass die Zahl der Mitarbeiter nicht gesunken sei.

Es rumorte in der Belegschaft. Hätte man bei höheren Löhnen mehr Facharbeiter anlocken können? Wäre es dann möglich gewesen, wie bisher auf mehreren Beinen zu stehen, statt sich einzig vom Erfolg der Elektromobilität abhängig zu machen? Streikgerüchte kursierten. Der Tarifvertrag schien dringlicher denn je, so sah es die IG Metall.

Elon Musk sah es anders. Am 18. April schickte er seinen Angestellten einen Brief nach Prüm. Bei Tesla ordne sich alles der Mission unter, den Übergang zu nachhaltiger Energie zu beschleunigen.

 

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