Bürger sind ungebildet in Sachen Geldanlage

Die „Lehman-Oma", einst Prototyp des geprellten Anlegers, ist dank jahrelang steigender Kurse zwar vergessen, das Phänomen aber nicht. Die nächste Krise kommt bestimmt - und dann sind eine große Portion Skepsis für Ältere wie ihre Angehörigen ein hervorragender Ratgeber in Gelddingen.

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Schwerin. Vermutlich haben auch Sie schon einmal vom Dunning-Kruger-Effekt gehört: Die große Mehrheit der Menschen glaubt laut Befragungen, sie gehöre zur Hälfte der überdurchschnittlich guten Autofahrer — obwohl das statistisch gesehen natürlich nicht sein kann. Schlimmer noch: Die schlechtesten Autofahrer (gemessen an den schweren Unfällen) überschätzen sich am stärksten.

Wir sollten dieses Phänomen im Hinterkopf behalten, wenn es um das größte Boomthema in Sachen Geldanlage geht: die finanzielle Allgemeinbildung. Sie ist eine der wichtigsten Determinanten in der Frage, ob jemand im Laufe seines Lebens eine finanzielle Bruchlandung hinlegt oder Vermögen aufbaut.

Studien aus diesem noch jungen Forschungszweig sind alarmierend — allerdings weniger für junge Menschen, um die es in der Debatte um Finanzbildung fast ausschließlich geht. Sondern vor allem für Ältere. Die sind zwar im Schnitt tatsächlich in Sachen Finanzwissen klüger als Junioren. Rund zwei Drittel der über 50-Jährigen etwa können vier sehr einfache Fragen zur finanziellen Allgemeinbildung korrekt beantworten, aber nur 40 Prozent der unter 35-Jährigen, wie eine globale Befragung der Allianz ergeben hat.

Allerdings wissen Jüngere, dass sie wenig wissen. Sie halten sich für gute Autofahrer (die sie nicht sind), aber für finanziell eher schlecht gebildet (womit sie recht haben). Letzteres ist bei Älteren umgekehrt.

Finanzielle Bildung ist jedoch, wie vieles andere auch, keine bleibende Fähigkeit. Zusammen mit den kognitiven Fähigkeiten nimmt siejenseits der 50 Jahre ab, und das unabhängig von Bildung, Vermögen und Geschlecht. Zunächst kaum messbar. Zwischen 65 und 75 fällt sie dann um ein Fünftel, zwischen 75 und 85 noch einmal um 40 Prozent. Das Selbstbewusstsein in Finanzfragen aber nimmt mit dem Alter nicht ab, sondern zu. Und erreicht mit Ende 80 (sic!) seinen Höhepunkt.

Es bedarf keines großen Scharfsinns, um zu sehen, dass sinkendes Know-how und steigendes Selbstbewusstsein ein teuflischer Mix sind. Das war zwar früher nicht anders. Es betrifft nur immer mehr Menschen, denn die Zahl der über 65-Jährigen steigt deutlich. Alleine in Deutschland um 50 Prozent in den nächsten 20 Jahren. Zudem sinkt mit dem Alter auch die Risikoneigung, bisweilen dreht sie gar in irrationale Vermögenspanik. Aus sicheren Einlagen können Sparer aber keine Erträge mehr generieren.

Seniorenabzocke ist aus diesen Gründen ein Wachstumsmarkt par excellence. Das gilt sowohl für den illegalen Betrug als auch den legalen: indem Älteren Bausparverträge, Sterbegeldversicherungen und Sinnlos-Zertifikate verkauft werden.

Die „Lehman-Oma“, einst Prototyp des geprellten Anlegers, ist dank jahrelang steigender Kurse zwar vergessen, das Phänomen aber nicht. Die nächste Krise kommt bestimmt – und dann sind eine große Portion Skepsis für Ältere wie ihre Angehörigen ein hervorragender Ratgeber in Gelddingen.

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