Kaufrausch in der Chemieindustrie – BASF schluckt Evonik

Mehr als die Hälfte der Mega-Deals, also Fusionen und Übernahmen mit Volumina von mindestens 1 Mrd. Dollar, fanden im Bereich Spezialchemie statt. Amüsant ist dabei die Tatsache, dass Evonik sich bis vor kurzem nach Übernahmezielen umsah und nun selbst ins Visier des Chemiegiganten BASF gerät. Doch um sich die Essener Chemiker leisten zu können, wolle BASF seine Agrochemiesparte verkaufen, was den Abbau der bereits vorhandenen Schulden als positiven Nebeneffekt mit sich bringen würde.

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Essen. Einen Moment bitte…wer kauft hier nun wen? Tja, bei dem Kaufrausch, dem die Chemieindustrie seit einigen Jahren erliegt, kann man langsam leicht die Übersicht verlieren. Das große Schlingen hat von Jahr zu Jahr immer weiter zugenommen und momentan sind die größten Chemiekonzerne gerade dabei, sich gegenseitig zu fressen.

Im Jahr 2015 wurden bereits Rekordsummen in Höhe von ca. 156 Mrd. US-Dollar für Fusionen und Übernahmen gezahlt – man beachte: es geht hier nur um die Chemiebranche! Einer der größten Deals war die Elefantenhochzeit zwischen den beiden amerikanischen Konzernen Dow Chemical und Dupont. Der deutsche Chemieriese Bayer übernahm 2016 den ebenfalls amerikanischen Konzern Monsanto, was sich allerdings aufgrund des schlechten Rufs Monsantos als schwierig erwies. Diese „Schwierigkeiten“ konnte man sehr gut bei der Hauptversammlung Bayers beobachten, welche ständig von Gegnern dieser Übernahme durch lauthalse Proteste unterbrochen wurde und sogar soweit ausschritt, dass mit Saalverweis gedroht werden musste. Aufgehalten wurde dieser Deal dennoch nicht.

Nun laufen nicht alle Übernahmen und Fusionen so spektakulär ab, sondern werden eher im stillen Kämmerchen per Handschlag besiegelt. Die Fusionen und Übernahmen sind, so könnte man meinen, eine reine Formalität gegenüber der Öffentlichkeit. Denn die Chemiekonzerne stehen schon lange in engem Kontakt zueinander und betreiben gemeinsam große Projekte. Was der eine nicht hat, wird vom anderen ausgeglichen. Bayer etwa, dessen drei erfolgreichsten Produkte aus der Pharmazie stammen, glich seine Schwäche in Agrarchemie durch die Übernahme Monsantos aus. Nun will der Spezialist für Pflanzenschutz, BASF, seine Schwäche, die Spezialchemie, durch die Übernahme des Essener Spezialchemieprofis Evonik ausgleichen, um auch hier seinen Kundenstamm, zu dem unter anderem die Automobilindustrie und Landwirtschaft zählen, auszubauen. Generell ist derzeit ein Trend in Übernahmen von Spezialchemieherstellern erkennbar.

Mehr als die Hälfte der Mega-Deals, also Fusionen und Übernahmen mit Volumina von mindestens 1 Mrd. Dollar, fanden im Bereich Spezialchemie statt. Amüsant ist dabei die Tatsache, dass Evonik sich bis vor kurzem nach Übernahmezielen umsah und nun selbst ins Visier des Chemiegiganten BASF gerät. Doch um sich die Essener Chemiker leisten zu können, wolle BASF seine Agrochemiesparte verkaufen, was den Abbau der bereits vorhandenen Schulden als positiven Nebeneffekt mit sich bringen würde.

Die Zeit spielt dem Ludwigshafener Konzern ebenfalls in die Hände. Denn die Evonik-Aktien sind zwar seit November 2016 wieder leicht gestiegen, liegen mit einem aktuellen Wert von 30,75 Euro immer noch weit unter dem einstigen Rekordhoch im Jahre 2015. Interessant ist auch die Neubesetzung des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden bei Evonik durch – jetzt kommt’s: Harald Schwager, der bis Ende 2016 Vorstandsmitglied bei BASF war. Kauft sich der Pflanzenschutzmittelhersteller etwa schon allmählich bei Evonik ein? Auch die Leitung des Spezialchemiekonzerns trägt ab dem 1. Juni mit Christian Kullmann ein neues Gesicht.  Dieser machte sich bereits mit der Milliarden-Übernahme des amerikanischen Konkurrenten Air Products für den Spitzenposten beliebt. Doch bei aller Ehre muss er nun auch liefern. Da Evonik mehrheitlich der deutschen Steinkohlestiftung gehört und diese durch ihre Einnahmen die Folgelasten des Steinkohlebergbaus finanzieren muss, steht Kullmann in der Pflicht, die Dividendenwünsche des Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Müller für die RAG-Stiftung zu erfüllen. Erschwerend hinzu kommt, dass sich der Schweizer Konzern Clariant demnächst mit der amerikanischen Konkurrenz Huntsman vereinigen will. Durch einen so gewonnenen Umsatz von über 13 Mrd. Dollar würden sie Evonik dicht auf die Pelle rücken. Somit scheint eine Übernahme durch BASF mehr als willkommen.

Wenn der Kaufrausch der Barkeeper der Labore so weiter geht kommt irgendwann der Tag, an dem es nur noch einen gigantisch großen Hersteller für alles gibt, der nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern weltweit eine Monopolstellung in allen Chemiesparten einnimmt und der wie ein Monster jede Konkurrenz einfach verschlingt.

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