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Mythos Rotwein: Dichtung oder Wahrheit?

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Januar 2, 2017 views705

Bordeaux. Frankreich, das Ursprungsland des Weines, so sagt man, hat viel von seiner einstigen Vormachtstellung bei der Weinproduktion eingebüßt. Zu viele gute Winzer sind in die weite Welt ausgezogen, um die leckeren Reben überall dort zu kultivieren, wo gutes Klima, passende Böden und optimale geografische Lagen das Wachstum guten Rebensaftes fördern. Ob mit Sprüchen wie „Rotwein ist für alte Knaben, eine von den besten Gaben“ (Wilhelm Busch) oder auch „Für Sorgen sorgt das liebe Leben. Und Sorgenbrecher sind die Reben“ (Johann W. von Goethe), wußte man schon vor langer Zeit die positive Wirkung des besonders roten Weines zu schätzen. Doch was ist dran am Mythos Rotwein, den die Götter ihrerseits bereits preisten und die alten Römer zum Sinnspruch „In vino veritas“ (im Wein liegt die Wahrheit) hinreißen ließ? Ist seine Wirkung und gesundheitsfördernde Wirkung tatsächlich unbestritten und bewiesen? Neueste Untersuchungen stellen nun die positive Wirkung und Nachhaltigkeit massiv in Frage.

Die Kultur um den Wein ist uralt und voller Mythen und Legenden. Immer wieder fallen in Gesprächen Sätze, die jeder kennt. Aber nur wenige wissen, ob das wirklich genau so stimmt, wie es gern erzählt wird. Ist Rotwein gut fürs Herz? Wird Wein tatsächlich besser, je länger er im Keller liegt? Und werden für einen Rosé tatsächlich Rotwein und Weißwein gemischt? Einem passionierten Weingourmet werden die Antworten auf diese Fragen wohl eher egal sein, wenn man bedenkt, dass Wein ein idealer Begleiter zu allen möglichen Mahlzeiten geworden ist, dass der Handel mit Rotwein teilweise gigantische Erlöse im vierstelligen Bereich einbringt und dass Sammler ihre guten Stücke wie ihren Augapfel hüten. Auf den großen Weinauktionen dieser Welt werden speziell Rotweine wie wahre Schätze gehandelt und erzielen unfassbare hohe Preise. Der Wein ist eine Wissenschaft für sich und Önologen aus der ganzen Welt versuchen sich seit jeher mit Qualitätsprodukten und Fachwissen zu übertrumpfen. Gerne wird auf Statistiken verwiesen, nach denen es in südlichen Ländern weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen gibt. Die korrelieren wunderschön mit dem gefühlten, traditionellen Rotweinkonsum. Es werden die wertvollen Antioxidantien erwähnt. Und da sind die vielen Studien, die zeigen, dass Rotwein hilft, „böses“ Cholesterin in „gutes“ zu verwandeln und damit Arteriosklerose vorbeugt. Also auf die Flaschen und anstoßen auf eine lange Gesundheit? So einfach ist es leider nicht. Viele Überzeugungen gründen sich auf Intuition und Bauchgefühl. Was kommt nun von dem kleinen Faktor Rotwein und was von den insgesamt unterschiedlichen Lebensbedingungen?

In neueren Untersuchungen war der positive Einfluss nicht so deutlich nachzuweisen, wie es die Weinliebhaber gern gesehen hätten. Der nachweislichen Antioxidations-Wirkung tanninreicher Weine steht außerdem entgegen, dass Alkohol schlicht und einfach nicht zu den gesündesten Substanzen zählt. Es gibt allerdings tatsächlich Anzeichen dafür, dass die sportliche Bewegung die günstige Wirkung tanninreicher Weine messbar verstärkt. Wer gesundheitlich auf Nummer sicher gehen möchte, ist aber gut beraten, die Dosis Alkohol gering zu halten und den Anteil regelmäßiger Bewegung im Tagesablauf zu erhöhen. Ganz aktuelle Studien aus Dänemark, die über einen Zeitraum von 20 Jahren durchgeführt wurden beweisen offenbar, dass die angebliche gute Wirkung auf Herz und Kreislauf bei geringem täglichen Rotweinkonsum nicht nachzuweisen ist. Auch die Annahme, dass eine Verstopfung der Halsschlagader beim Menschen durch mäßigen Rotweingenuss verzögert
oder aufgehalten würde, muss nach neuesten Erforschungen aus den USA revidiert werden, denn eine heilende oder begünstigende Wirkung konnte nicht nachgewiesen werden. Das wird den ein oder anderen zwar überraschen, aber vom Genuss eines guten Glases Wein nicht abhalten. Auf die Menge kommt es an – wie so oft im Leben. Auch die Vorstellung, dass ein Wein um so besser schmeckt, je älter er ist, muss in vielerlei Hinsicht korrigiert werden. Tatsächlich brauchen viele Rebsorten eine ausgiebige Lagerzeit, um ihre beste Trinkreife zu erreichen. Das gilt vor allem für körperreiche Rotweine mit starken Tanninen.

Beim mehrjährigen Ausbau im Eichenfass entwickeln sich ihre Noten ganz allmählich. Auch in der Flasche reift ein komplexer Wein noch viele Jahre bis zum idealen Genuss. So werden heute für einen Grand Cru-Bordeaux oder einen Amarone Gran Riserva aus den Achtzigern dreistellige Summen bezahlt. Aber der Ausdruck „beste Trinkreife“ beinhaltet auch, dass sie überschritten werden kann. Dann ist der Wein überlagert, schmeckt alt, verliert an Frische und Raffinesse. Wein ist nicht unendlich lange haltbar und irgendwann setzt auch die gefürchtete Essigsäuregärung ein. Wesentlich häufiger als die großen Charaktere mit hoher Lagerfähigkeit, sind heute solche Weine, die schon mit der Abfüllung trinkreif sind. Das gilt nicht nur für die frischen, jungen Weißweine. Auch viele Rotweine wollen höchsten zwei oder drei Jahre alt werden, bis ihre beste Zeit gekommen ist. Bedeutet, dass nicht jeder Wein, der bereits viele Jahre auf dem Buckel hat, beim Öffnen auch wirklich genießbar ist. Außerdem denke viele Menschen, dass ein Rose-Wein aus einer Mischung von Rot- und Weißwein besteht. Aber das stimmt nicht. Ein Rosé ist ein Weißwein aus roten Trauben.

Anders als beim klassischen Rotwein wird nach kurzer Standzeit die Maische vom Most getrennt und der noch helle Saft wird einzeln vergoren. Die dunklen Farbstoffe und auch die kraftvollen Tannine konzentrieren sich in den Schalen. Nur wenig davon geht in den Most über. So erhält ein Rosé aus roten Trauben seine zart rosa Färbung mit leichter Rotweinnote und eine Frische und Eleganz, die eher weißweintypisch ist. Es gibt sie übrigens, die Weine, in denen sich weiße und rote Rebsorten mischen. Der bekannteste Vertreter ist der Champagner, der neben dem weißen Chardonnay mit Spätburgunder und Schwarzriesling gleich zwei rote Rebsorten enthält. Allerdings beide als Blanc de Noir. Auch beim italienischen Chianti war es lange Zeit üblich, neben dem Sangiovese auch weißen Trebbiano und Malvasia zum Verschnitt zu verwenden. Man sieht, es ranken sich so viele Mythen um den Wein, dass es letztendlich besser scheint, sich auf Geschmack und Vergnügen statt aufs kolportieren zu konzentrieren, um für sich den besten Nutzen aus dem Verzehr zu ziehen.