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Trump wütet gegen die europäische und asiatische Autoindustrie

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August 10, 2018 views222

Washington. Nur weil Donald Trump am liebsten ausschließlich amerikanische Autos auf amerikanischen Straßen sehen will, müssen jetzt die großen Autobauer in Europa und Asien zittern, denn der US-Präsident droht mit extrem hohen Autozöllen. Diese können einen ganzen Industriezweig kaputt machen, wenn Hauptabsatzgebiete plötzlich wegfallen. Bei Daimler Benz in Stuttgart beispielsweise läuten die Alarmglocken. Es droht ein Handelskrieg mit Zöllen und Gegenzöllen, der in die dreistelligen Milliardenbeträge geht. Und die Verlierer sind am Ende die Bürger und Steuerzahler.

Werner Funk hat Sorgen. Er ist Betriebsrat bei Daimler in der Stuttgarter Konzernzentrale und fragt   sich: Wie lange werden seine weltweit 289 000 Kollegen noch Arbeit haben?  Walt Maddox hat Sorgen. Er ist Bürgermeister von Tuscaloosa im armen US-Südstaat Alabama, Standort einer großen Mercedes-Fabrik, und fragt sich: Wird seine Stadt wieder vom Wohlstand abgehängt? Und auch Wang Wie hat Sorgen. Er ist Autoverkäufer bei einem der größten Mercedes-Händler in Shanghai und fragt sich: Wie lange wird das Geschäft mit den Luxusfahrzeugen noch laufen?

Drei Männer, drei Kontinente, verbunden durch ein Auto: der Mercedes GLE, ein Edel-Geländewagen mit bis zu 585 PS, der in der Coupé-Variante zwischen 72000 und 133000 Euro kostet. Für manche mag der Wagen ein überteuertes Protzmobil sein, für viele aber bedeutet er ein sicheres Auskommen: entwickelt in Deutschland, montiert in den USA, verkauft vor allem auch in China. Aber — wie lange noch? US-Präsident Donald Trump ist gerade dabei, einen globalen Handelskrieg zu entfesseln. Beschimpfungen und Kampfansagen, Zölle und Gegenzölle — plötzlich steht das komplette Wirtschaftsmodell der internationalen Arbeitsteilung und des freien Handels infrage.

Werner Funk zückt einen Block samt Kugelschreiber und beginnt zu zeichnen. Der 59-Jährige, Kumpeltyp in Jeans und Blazer, arbeitet seit fast drei Jahrzehnten als Betriebsrat und hat schon einige Krisen erlebt. „Was jetzt durch Donald Trump losgetreten wird, birgt große Gefahren“, sagt er. Der Stift rast übers Papier. „Das ist China. Unser größter Absatzmarkt für SUVs wie den GLE. Wenn Trump immer mehr Zölle auf Produkte von dort erhebt und die Chinesen mit Gegenzöllen auf Autos reagieren, bricht der Verkauf ein.“ Das schade dem Konzern — und seinen Beschäftigten. 2017 gab es mit 5700 Euro je Arbeitnehmer die höchste Gewinnbeteiligung aller Zeiten. Inzwischen hat der Konzern eine Gewinnwarnung herausgegeben. Wegen des Handelsstreits könnten sich die Geschäfte deutlich verschlechtern. Motor und Getriebe für den GLE werden in Untertürkheim gebaut und in die USA geschickt. Trump droht nun, den Zoll dafür zu erhöhen — von2,5 auf 25 Prozent. Die Anhörungen dazu fanden vergangene Woche im US-Handelsministerium statt, die amerikanische Autoindustrie warnte scharf vor Verlusten, für diese Woche hat sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zu Verhandlungen in Washington angesagt, eine Entscheidung soll spätestens im August fallen.

Die Fronten? Verhärtet. Die Folgen? Gewaltig.

Für Betriebsrat Funk sind sie eine einfache Rechnung: Die Autos würden teurer, der Absatz ginge zurück und damit auch die Produktion. Er fuchtelt mit dem Kugelschreiber: „Es ist nicht zu fassen. Bei alldem schneidet sich Trump doch ins eigene Fleisch. Viele Arbeitsplätze werden in seinem eigenen Land über den Jordan gehen.“ Aber, so fügt er kopfschüttelnd hinzu, „auch bei uns“. Funk zeichnet weiter. Das nächste Szenario: Was würde der Strafzoll  von 25 Prozent für Daimler insgesamt bedeuten? 375 000 in Deutschland hergestellte Fahrzeuge exportiert der Konzern jedes Jahr in die USA und erzielt damit bisher einen Umsatz von rund 15 Milliarden Euro. Auch der würde schrumpfen. Funk zieht einen langen Strich unten auf dem Papier. „Insgesamt kann ich mir vorstellen, dass Daimler im Falle eines Handelskrieges weltweit 250 000 bis 300000 Autos weniger verkaufen wird.“ Er macht eine Pause: „Damit wären in Deutschland rund 10 000 Arbeitsplätze gefährdet.“

Beim Daimler zu schaffen war immer eine feste Bank, wie alte Mercedes-Werkler gern sagen. Als gelernter Feinmechaniker fing Werner Funk 1977 in der Getriebefertigung an, wechselte zur Versuchsabteilung, machte in der Abendschule den Industriefachwirt und ging in den Vertrieb, bis er 1990 erstmals zum Betriebsrat gewählt wurde. Heute lebt der zweifache Familienvater im eigenen Häuschen, fährt eine Mittelklasse, kann regelmäßig Urlaubsreisen machen. „Man hat sich ein gutes Leben aufgebaut“, sagt Funk, „so ist es bei den meisten Kollegen.“  Für die Daimler-Arbeiter war die Globalisierung eine Erfolgsgeschichte — wie für so viele Beschäftigte in den exportstarken Industrien Deutschlands. Dank europäischem Binnenmarkt und Welthandelsabkommen wird auf der ganzen Welt eingekauft und produziert, was deutsche Ingenieure entwickelt haben. Nichtjedes Modell muss in jedem Land hergestellt werden, die Spezialisierung der Standorte spart Kosten. Zölle wurden verringert oder ganz abgeschafft. Im Durchschnitt sanken sie von einst 30 auf  nur noch 3 Prozent.

Der Freihandel hat zwar vielen Menschen geholfen, aber eben längst nicht allen. Manche fühlen sich als Verlierer — nichtwenige sind es tatsächlich, etwa die amerikanischen Arbeiter in der Kohle-, Erz- und Stahlindustrie, vor allem im Nordosten des Landes, dem sogenannten Rust Belt. In solchen Regionen liegt die politische Basis von Trump, sie will er mit den Strafzöllen auf Stahl bedienen. 25 Prozent Aufschlag verlangen die USA seit März. Das trifft   vor allem China, heute der größte Stahlproduzent der Welt — und auch der billigste. Aber, und damit zielt Trump durchaus auf einen heiklen Punkt, ist der chinesische Stahl so günstig, weil die Volksrepublik ihre wirtschaftlichen Vorteile ausspielt?   Oder machen niedrige Löhne, laxere Umweltstandards und staatliche Subventionen den Wettbewerb unfair?

Auch die Trump’sche Kritik an Deutschland  birgt einen wahren Kern: Die Deutschen exportieren in Massen, aber sie konsumieren und investieren vergleichsweisewenig. Das bemängeln viele europäische Regierungen genauso wie der wutschnaubende US-Präsident. Im vergangenen Jahr verkauften die Deutschen für 50 Milliarden Euro mehr Güter in die USA, als sie von dort bezogen. Solche Zahlen stellt Trump gern heraus. Nicht darin enthalten sind allerdings Dienstleistungen und Lizenzen. Wenn Microsoft, Google oder neuerdings Netflix in Europa viel Geld verdienen, dann profitieren davon auch Programmierer, Entwickler oder Schauspielerin den USA. Aber die leben in Kalifornien und gehören nicht unbedingt zu Trumps Wählern. Ungleichgewichte, Dumpina  Schutz von geistigem Eigentum —  normalerweise würden die Staaten versuchen, solche Probleme in internationalen Abkommen zu lösen. Welthandelsabkommen sind so etwas wie eine Bauordnung der wirtschaftlichen Architektur. Doch der Immobilieninvestor Trump will keine besseren Regeln, er will einen guten Deal. Sein Weltbild sieht nicht vor, dass bei einem guten Handelsvertrag alle beteiligten Volkswirtschaften gewinnen können. Ihm sind die Gefühle der Stahlarbeiter in Pittsburgh wichtiger als Wohlstand der Welt.

Konsumrausch in China

Am Freitagmorgen ist es noch ruhig bei Mercedes in der Innenstadt  von Shanghai. Durch das Autohaus, einen silbergrauen, vierstöckigen Tempel, schlendern drei Pärchen, die Männer in hellen Polohemden, die Frauen mit übergroßen Einkaufstüten von Gucci und Louis Vuitton am Handgelenk. Wang Wei ist Anfang 30 und trägt einen von diesen global modernen, eng geschnittenen Anzügen. Sein ganzes Arbeitsleben hat er in der Autobranche verbracht, und stets ging es aufwärts, stets kletterten die Verkaufszahlen. Zur Jahrtausendwende, als Wang noch die Mittelschule besuchte, gab es in China gerade einmal fünf Millionen Autos. In zwei Jahren soll die Zahl auf über   200 Millionen steigen. 610965 Fahr-  zeuge hat Mercedes im vergangenen Jahr hier verkauft — fast doppelt so viele wie auf dem deutschen Heimatmarkt. Längst ist auch dieser Konzern abhängig vom Konsumrausch der jungen chinesischen Mittelschicht. Und jetzt? Bisher konnten Wang und seine Kollegen jeden Monat rund ein Dutzend GLEs unter der Elite verteilen. Nun aber hängt die neue Lieferung im Zoll am Shanghaier Hafen fest. Lange hatten die Abgaben auf ausländische Autos 25 Prozent betragen. Anfang Juli senkte die Regierung sie um 10 Prozentpunkte auf 15 Prozent, dann folgten wenig später neue Strafzölle in Höhe von 25 Prozent für aus den USA importierte Fahrzeuge — und so steigt die Belastung für diese Autos nun also auf40 Prozent. Mercedes hat in China noch keine neuen Preise mitgeteilt. Offiziell will sich das Unternehmen ohnehin nicht zu den Strafzöllen äußern. Auch Wang darf eigentlich nicht mit Journalisten reden. Doch seine  Angst ist zu groß, um einfach nur zu schweigen. Er fürchtet, dass schon der günstigste GLE bald mehr als 100 000 Euro kosten wird. „Das ist ein großes Investment“, sagt Wang, „und jeder Autokäufer wird sich   die Anschaffung genau überlegen.“ Nachdem die USA im Juni Strafzölle auf Stahl und Aluminium eingeführt hatten, konterten die Chinesen mit Abgaben auf ein Handelsvolumen von 34 Milliarden Dollar,  etwa auf Fleisch, Soja und Autos wie den GLE. Nun will Trump im Gegenzug weitere Zölle auf Waren im Wert von 200 Milliarden erheben. „Wir wollen nicht kämpfen, doch wir fürchten uns nicht vor einem  Handelskrieg“, sagte Politbüro-Mitglied Yang Jiechi in der vergangenen Woche. Pekings Staatsfernsehen CCTV rief seine Zuschauer sogar zu „persönlichen Opfern“ im „Krieg um  den Wohlstand des Landes“ auf.

Ein Krieg, der am Ende nur Verlierer kennt.

Autoverkäufer Wang hofft, dass  Mercedes die Importzölle nicht im vollen Umfang an die Kunden weitergibt. Denn, so fragt Wang, „wer   soll den GLE sonst noch kaufen?“ Bürgermeister Maddox hofft, dass die Demokraten mit einem Erfolg bei den Kongresswahlen im November diesen Trump irgendwie noch bremsen können. Er selbst kandidiert als Gouverneur von Alabama. Und Betriebsrat Funk hofft, dass die Europäische Union sich mit dem US-Präsidenten noch einigt. Irgendwie. Doch seine Zweifel sind groß. Die Welt hat es schließlich mit  Donald Trump zu tun.