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Kaum Heu: Futterkrise bei Tierhaltung und Landwirtschaft

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November 14, 2018 views48

München. Was haben wir die zahlreichen warmen Sommerabende und heißen Bade-Wochenenden in diesem Jahr geliebt, die uns wegen der südeuropäischen Temperaturen beschert wurden. Doch diese Hitzewellen ohne Regen und mit wenig Abkühlung hatten auch ihre Nachteile: Die Heuernte fiel sehr knapp aus, so dass sich die Preise zum Teil verdreifacht haben. Das führte dazu, dass sich nächtens Heudiebe im ganzen Land auf den Weg machten, um die begehrten Heuballen von den Feldern zu stehlen und abzutransportieren. Bauern, die es nicht schnell genug schafften, die Ernte einzufahren, mußten oft an den Folgetagen mit gestohlenen Heuballen rechnen. Auf Bauernhöfen,Pferdegehöften und in Reitvereinen wurde das begehrte Futter knapp. Eine Preisexplosion, die man heute noch spüren kann, war die Folge. Nur wer genügend Geld in die Hand nimmt, kann seine Tiere dieses Jahr gut über den kommenden Winter bringen.

Jürgen Schlademann holpert in einem kleinen Geländewagen über seine Felder und Wiesen im Landkreis Uelzen. Der 62-jährige Landwirt hütet dort einen Schatz, den er sich keinesfalls stehlen lassen will: getrocknetes Gras. Der heiße Sommer hat Heu und Silagen so wertvoll gemacht, dass Kriminelle nachts mit Lastwagen anrücken und das grüne Gold von der Wiese klauen. Im benachbarten Altmarkkreis Salzwedel sind vor Kurzem 58 Ballen spurlos verschwunden. Zwischen Schlademanns Feldern schlängelt sich ein Bachbett. Wasser ist hier schon seit vielen Wochen nicht mehr geflossen. Der Landwirt biegt auf einen staubigen Weg ein, fährt an einem toten Baum vorbei, der seine kahlen Äste wie Finger in den Himmel reckt. Die Gegend erinnert an nordamerikanisches Steppenland. Endlich kommen die in Folie verpackten Rundballen in Sicht. Alle noch da. Der Landwirt ist erleichtert. Er wird sein Vieh über den Winter bringen können.

Während Städter vom Jahrhundertsommer schwärmen, war 2018 für Landwirte das zweite schlechte Jahr in Folge. „Letztes Jahr war es so nass, dass wir viele Grünflächen nicht ernten konnten“, erzählt er, auf dessen Hof 55 Milchkühe und 40 Zuchtrinder stehen. „Und dieses Jahr war es so trocken und heiß, dass es kaum etwas zu ernten gab.“ Von Ostern bis Mitte Oktober verzeichneten die Bauern in einigen Landstrichen Niedersachsens kaum Niederschläge. Nicht nur Mais, Weizen und Feldfrüchte blieben klein und mickerig, auch das Gras wuchs kaum, und die Halme waren dünn. Üblicherweise schneidet man das Gras im Sommer vier- bis fünfmal. In diesem Jahr waren viele Bauern schon froh, wenn sie dafür zweimal auf die Wiesen fuhren. Einen Teil der kümmerlichen Ernte konnten sie nicht einmal einlagern. „Schon im Juli mussten wir anfangen, das Heu, das wir eigentlich für den Winter und das Frühjahr aufheben, zu den Kühen auf die Weiden zu fahren und zuzufüttern, weil dort kaum noch Gras stand“, sagt der Bauer. Dabei müssen die Vorräte noch bis zum Frühsommer 2019 reichen, erst dann ist der erste Heuschnitt der nächsten Saison geerntet und getrocknet.

Ohne Heu gibt es Probleme

Erhebliche Teile Deutschlands stecken in der Heukrise. Besonders große Sorgen machen sich Rinderzüchter, Pferdebesitzer und Schäfer in Norddeutschland, Niedersachsen, in den östlichen Bundesländern und in einigen Regionen Bayerns. Kleine Höfe und Ställe suchen händeringend Nachschub, jedes noch so kleine Angebot auf Ebay-Kleinanzeigen wird innerhalb kürzester Zeit aufgekauft. Manch einer erwirbt Ballen in Polen oder Ungarn. Um diejenigen, die doch noch Heu übrig haben, mit denjenigen, die verzweifelt suchen, einfacher zusammenzubringen, haben die Landwirtschaftskammer Niedersachsen und der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern Futter-Foren eingerichtet, wo zig Menschen online nach Futter fahnden. Getrocknetes Gras hat für Tierbesitzer einen großen Wert. Die Nahrungsquelle lässt sich nicht ohne Weiteres durch Hafer oder Kraftfutter ersetzen. In Deutschland leben rund zwölf Millionen Rinder, mehr als eine Million Pferde und eineinhalb Millionen Schafe. Sie alle brauchen „langfaseriges Raufutter“, wie es im Fachjargon heißt. „Besonders Pferde sind darauf angewiesen“, sagt Tierärztin Anne Mößeler aus Hannover. „Sie sind Steppentiere, ihr Verdauungstrakt ist spezialisiert auf faserreiche Futtermittel, sonst werden sie krank.“ Mößeler ist Expertin für das Thema Tierernährung und hält derzeit auch Vorträge darüber, welche Folgen der Heumangel haben kann und wie Tierbesitzer den Mangel ausgleichen können. „Heu sollte nur bis zu einem gewissen Grad durch andere Futtermittel, wie etwa Stroh, ersetzt werden“, sagt sie. „Denn wenn Pferde zu wenig Heu fressen, können sie Verhaltensstörungen entwickeln, Koliken oder Stoffwechselkrankheiten bekommen, schwer erkranken oder sogar sterben.“ Ihr Tipp an Tierhalter: „Investiert euer Geld lieber in Heu, auch wenn das jetzt teurer ist oder von weit hergeholt werden muss. Das ist sinnvoller, als später hohe Tierarztrechnungen wegen falscher Ernährung bezahlen zu müssen.“ Und weil auch Kühe Raufutter benötigen, konkurrieren nun Nutztierhalter und Pferdebesitzer um das knappe Gut. Die Rechnung sei doch einfach, sagt Landwirt Jürgen Schlademann. Weniger Heu reiche nicht für dieselbe Zahl Tiere wie in vergangenen Jahren. Viele seiner Kollegen haben Teile ihrer Herde schlachten lassen müssen. Die Familie hat Glück: Sie konnten gerade noch genug Heu einfahren, damit ihre Kühe alle über den Winter kommen. Ihren Nachbarn jedoch kann das Ehepaar diesmal nicht helfen. „Sonst verkaufen wir jedes Jahr an zwei ein bisschen Heu, dieses Jahr haben wir eine Warteliste von 15 Leuten. Und ich fürchte, alle werden leer ausgehen“, sagt der Landwirt.

In Teyendorf, wenige Kilometer entfernt von Schlademanns Hof, wohnt Ina von Estorff: Sie züchtet Pferde und hat einen Pensionsstall, ihr Mann betreibt Land- und Forstwirtschaft. 40 Tiere muss sie versorgen, 350 Rundballen Heu braucht sie, um über den Winter zu kommen. Einen Teil des Bedarfs kann das Ehepaar selbst decken — zukaufen muss es aber jedes Jahr. „Zum Glück habe ich den Wintervorrat schon im Juni gekauft. Die Ballen, für die ich 45 Euro gezahlt habe, kosten jetzt 80 Euro“, erzählt sie. Siliertes Heu, das als in Plastikfolie umhüllter Rundballen verkauft und auf dem Land umgangssprachlich „Pille“ genannt wird, ist noch deutlicher im Preis gestiegen — von 30 Euro frei Hof auf mancherorts 100 Euro. Solch hohe Preise garantieren keineswegs automatisch Topqualität.  Ellen Kienzle, Professorin  und Inhaberin des Lehrstuhls für Tierernährung und Diätetik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sagt: „Gerade wenn Heu knapp ist, müssen Pferdebesitzer darauf achten, was ihr Tier dann tatsächlich gefüttert bekommt.“ Rund 200 bis 300 Heu-Analysen werden an ihrem Institut jährlich durchgeführt — manchmal auch für Gerichtsgutachten. Beispielsweise wenn ein Pferd an Husten erkrankt, erhöhte Leberwerte hat oder an Koliken verstorben ist und der Verdacht besteht, das Heu sei die Ursache. „Dann muss ein amtlicher Probennehmer in den Stall gehen und eine müllsackgroße Portion Heu mitnehmen. Nur dieses Vorgehen ist Gerichtsfest“, sagt Kienzle. „Wir untersuchen das Heu dann auf Staub, Milben, Käfer, Schimmelpilze und die Keimzahl und auf Giftpflanzen wie Herbstzeitlose oder Jakobskreuzkraut.“

Etwa sieben bis acht Monate müssen die Heureserven auf den Höfen reichen — denn erst dann kann das frische Gras im nächsten Jahr gemäht und getrocknet werden. Als Maria und Christoph Babik aus Matzlow südöstlich von Schwerin klar wurde, dass sie zu wenig Heu auf Lager hatten, wussten sich nicht anders zu helfen, als beim alljährlichen Hoffest einen Spendenritt zu organisieren. Das Ziel: Geld sammeln, um Futter für die zwölf Pferde zusammen zu bekommen. „Die Hilfsbereitschaft war riesig“, erzählt Maria Babik.„Ein Bauer schenkte uns sogar eine Ladung Heu, die er in der Nähe von der Ücker für uns organisiert hat. Er holte 16 Rundballen selbst von dort ab und fuhr dafür jeweils fünf Stunden hin und zurück mit dem Trecker.“ Den Rest kaufte Babik mit dem Spendengeld zusammen — für das Doppelte des sonst üblichen Preises. Wieder gut schlafen kann sie aber erst seit vorvergangenem Samstag: „Da kam die letzte Lieferung auf den Hof, die wir noch brauchten“, sagt sie. Spontan gab es eine kleine Hofparty, alle waren froh, dass die Stallbesitzer ein paar Ballen ergattern konnten. Denn: Was nützt Geld wie Heu,  wenn es kein Heu mehr zu kaufen gibt?