Als die Versuche scheiterten, schlug er die Pipeline für 1,2 Milliarden los. So könnte es wieder laufen. Sobald Intrexon das erste bedeutende Produkt Iandet, könnte Kirk Kasse machen. Er ist ein Business-Rebell, der weiß, wann er eine Revolution abblasen muss.
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Virginia. Es gibt viele Spinner und viele Visionäre, die sich tagtäglich zu bestimmten Themen äußern. Wenn es um gentechnische Revolutionen geht, hat der US-Amerikaner Randal J. Kirk momentan die besten Ideen. Seinen Innovationsgeist nutzt er, um die Forschung bei Mensch und Tier zu revolutionieren, und verdient dabei auch noch sehr viel Geld.

Lachse, die schneller wachsen und größer werden als ihre wilden Artgenossen. Äpfel oder Avocados, die sich nicht mehr bräunlich verfärben, sobald sie aufgeschnitten daliegen. Stechmückenpopulationen, deren männliche Mitglieder ihre Fortpflanzungsfähigkeit verlieren und deshalb absterben. Und Krebszellen, deren Gencode sich so verändern lässt, dass sie sich selbst unschädlich machen. Das ist das Handwerk von Randal J. Kirk (64), dem Chef der Biotechfirma Intrexon. Sie führt die jüngste aller gentechnischen Revolutionen mit an. Statt nur die Eigenschaften einzelner Moleküle zu ändern und als Waffe gegen Krankheiten einzusetzen (rote Biotechnologie) oder die DNA von Soja- und Maispflanzen so zu modifizieren, dass sie Resistenzen gegen Unkrautvernichter entwickeln (grüne Biotechnologie), greifen die Biologen nun direkt in das Erbgut lebender Zellen ein. Sie löschen negative Merkmale, aktivieren mithilfe mikroskopisch kleiner Schalter  andere, erwünschtere Eigenschaften.  Das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“  rief Kirk vor ein paar Jahren zum vielleicht besten Biotechinvestor unserer Zeit aus. Anders als der Großteil seiner Zunft, der Wetten breit streut und Gewinne früh mitnimmt, verkauft er seine Beteiligungen erst, wenn sie einen Wirkstoff bis zur Marktreife entwickelt haben. Und anders als viele, die ähnlich hohe Risiken eingehen, besaß Kirk bisher das richtige Gespür für Produkte und Timing. Zweimal schaffte er es in den vergangenen zehn Jahren, seine Firmen für Milliardensummen an große Pharmaadressen zu verkaufen.

Erste Schritte in der Pharmabranche

Angefangen hat Kirk als Provinzanwalt in Bland, Virginia. Zusammen mit dem  einzigen Apotheker des Ortes gründete er Anfang der 80er Jahre einen Pharmavertrieb, den er 1998 für 65 Millionen Dollar losschlug. Heute lebt er an Floridas Atlantikküste in West Palm Beach und besitzt eine 7200 Morgen große Rinderfarm in Virginia, auf der er Falken züchtet. Er ist 2,9 Milliarden Dollar schwer und steht in der Liste der reichsten Amerikaner auf Rang 284. Mit Intrexon holt Kirk die synthetische Biotechnologie aus den Labors der Universitäten und Forschungsinstitute in die Entwicklung. 2004 stieg er über seinen Fonds Third Security mit einer kleinen Beteiligung ein. Gut zwei Jahre später sicherte er sich die Mehrheit und übernahm 2009 als CEO das Kommando. 2013 brachte er Intrexon an die US-Hightechbörse Nasdaq. Über sieben Milliarden Dollar war die Firma zwischenzeitlich wert. Er weiß, wie wichtig an den Finanzmärkten spektakuläre Geschichten sind. „Intrexon“, sagt er, wird das „Google der Biotechs.“ Kirk verbreiterte die Geschäftsbasis. Der Verkauf von DNA-Stücken, die an schließend in Versuchsmäuse implantiert wurden, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Das vom Molekularbiologen und Firmengründer Thomas Reed (52) entwickelte Verfahren UltraVector, das einzelne DNA-Sequenzen zu komplexen genetischen Schaltkreisen zusammenfügt, soll nun auf möglichst vielen Feldern den Durchbruch schaffen. „Intrexon hat im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten Produkte in der Endphase der Entwicklung“, sagt Karl Nägler, der eine Beteiligung der Wagniskapitalgesellschaft Gimv an Intrexon verkauft hat: „Sie können die Ersten sein, die mit dieser Art der Technologie den Durchbruch schaffen.“

Mit Übernahmen wie dem Lachszüchter AquaBounty, der 2015 von der US-Gesundheitsbehörde FDA die Zulassung für seine gentechnisch aufgenordeten Fische erhielt, oder der auf Obstzüchtungen spezialisierten Okanagan Specialty Fruits (bräunungsfreie Äpfel) gliederte er potenzielle Produktlieferanten ein. Zudem schloss Kirk Dutzende Kooperationen, mit Energieversorgern, Nahrungsmittel- und Pharmaherstellern (darunter Merck aus Darmstadt).

Der Börsenhype um Intrexon ist verflogen, der Wert‘ auf knapp zwei Milliarden Dollar geschrumpft. Grund: Die kumulierten Verluste sind auf 800 Millionen Dollar angeschwollen, und noch hat kein Produkt den Durchbruch geschafft. Zudem warnen Umweltschützer, dass genmanipulierte Organismen aus den Labors entweichen und sich unkontrolliert ausbreiten könnten. Das macht die Genehmigungsverfahren nicht kürzer. Der Investitionsbedarf für die breite Entwicklungspipeline bleibt derweil hoch. Bei 230 Millionen Dollar Umsatz sind zuletzt 138 Millionen Dollar Verlust aufgelaufen. Ohne Kirks Cashreserven sähe es düster aus. Doch der hat stets einen Plan B. Beim letzten großen Exit entwickelte seine Beteiligung Clinical Data neben einem neuartigen Antidepressivum einen Test, der die individuelle Wirksamkeit unterschiedlicher Wirkstoffe herausfiltern sollte. Hätte das Verfahren funktioniert, wäre es möglich gewesen, das optimale Präparat für jeden Patienten zu ermitteln. Es wäre ein Multimilliarden-Dollar-Ding geworden, hätte mehr abgeworfen als jede Blockbuster-Arznei. Als die Versuche  scheiterten, schlug er die Pipeline für 1,2 Milliarden los. So könnte es wieder laufen. Sobald Intrexon das erste bedeutende Produkt Iandet, könnte Kirk Kasse machen. Er ist ein Business-Rebell, der weiß, wann er eine Revolution abblasen muss.

Lesen Sie den großen CRISPR-Bericht.

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