Ethereum ist ein verteiltes System im Bereich der Finanztechnologie, welches das Anlegen, Verwalten und Ausführen von dezentralen Programmen bzw. Kontrakten (Smart Contracts) in einer eigenen Blockchain anbietet. Es stellt damit einen Gegenentwurf zur klassischen Client-Server-Architektur dar.
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Miami/Florida. Der erste Blick eines modernen Zockers geht zu seinem Smartphone, die Kurse von Kryptowährungen wie Bitcoin checken.

Als Schüler haben manche angefangen, in Bitcoins zu investieren. Um sie zu finanzieren, haben sie Blut gespendet und im Burger-Laden gearbeitet.

In den vergangenen neun Monaten sind seine Coins dann in die Höhe geschossen. Zwischenzeitlich sind sie wieder abgestürzt. Doch die Kurse haben sich teils immer noch mehr als verhundertfacht.

Der Wertzuwachs ist so hoch, dass Manche inzwischen Multimillionäre sind. Wie jeder in seiner Wohngemeinschaft, die gerade aus dem herbstdüsteren Berlin ins leuchtende Florida umgezogen sind.

In dem Mitte-Apartment (Klingelschild: „Bitcoin Babo“) hatten sie schneller als die meisten anderen realisiert, dass eine neue Bitcoin-Zeitrechnung angebrochen ist. Bitcoin, lange die Domäne von Nerds, Libertären und Drogendealern, ist zum Treibstoff für die Finanzierung von Start-ups geworden.

Über zwei Milliarden Dollar sind innerhalb weniger Monate in Neugründungen geflossen. Das Geschäft ist größer geworden als das gesamte Frühphasen-Wagniskapitalbusiness. Start-ups können sich inzwischen schneller mit zweistelligen Millionensummen aufpumpen als zu Dotcom-Zeiten. Mit einem Konzeptpapier sammeln Teams, die sich nur übers Internet kennen, säckeweise Kapital ein.

In den letzten sieben Monaten hat sich die größte Internetblase seit dem Dotcom-Boom gebildet, inzwischen ist das Gebilde rund 160 Milliarden Dollar schwer. Start-ups wurden binnen Monaten zu Unicorns, Unternehmen mit Milliardenbewertung, die aber kaum einer kennt, genauso wenig wie die neuen Risikokapitalgeber — Millennials wie der Student, die ihre Millionen mit Kryptowährungen gemacht haben.

Die Krypto-WG in Florida

Robert Küfner hatte das Luxusapartment in Mitte angemietet. Er trägt eine dickrandige Brille, seine Haare sind zurückgegelt, mit 29 ist er der Älteste und der Anführer der Kryptowohngemeinschaft.

Küfner lernte Reike auf einem Szenetreffen kennen. Er wollte ihm exotische Kryptocoins abkaufen, die nicht an den Börsen gehandelt wurden. Reike lehnte ab, zog aber in die WG ein, in der sie zuletzt zu fünft wohnten.

Die Mitbewohner sind zugleich Aktionäre des neuen Unternehmens, das Küfner gerade hochzieht: eine Investmentfirma namens Nakamo.to, benannt nach dem Pseudonym des Bitcoin-Erfinders Satoshi Nakamoto.

Ihr Plan ist, in Kryptowährungen und -anleihen zu investieren und dazu noch eigene Kryptoprodukte zu bauen. Family Offices und vermögende Individuen würden einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag in die WG stecken, behauptet Küfner. Die Wohnung ist Teil seines Konzepts; separat unterzukommen würde zu viel Zeit vergeuden.

Den Oktober über wohnen sie in Florida. Küfner hat dort eine Farm gekauft, weil er schon immer mal eine Farm in Florida besitzen wollte. Nun machen sie dort sechs Wochen ein Bootcamp, um an ihrer Software zu werkeln.

Es seien stürmische Zeiten, sagt Küfner, da müsse man die Geschwindigkeit aufrechterhalten, „den Pace“.

Beiläufig nimmt er eine Pipette aus einem kleinen Fläschchen und drückt Reike einige Tröpfchen auf die Zunge. Als nächster Mitbewohner ist Till Wendler (24) dran, sein COO. „Vitamin D“, sagt Küfner, „gut für die Zellen“.

Küfner ist vor sechs Jahren in der Bitcoin-Szene gelandet. Er hat einen ziemlich sicheren Instinkt dafür, womit sich gerade Geld verdienen lässt. An seinen Geschäften lässt sich die Evolution des digitalen Finanzmarkts nachvollziehen. Dabei hat Küfner nie auch nur einen einzigen Bitcoin gekauft. Er hat sie „abgebaut“. „Mining“ nennt sich das.

In der Anfangszeit konnte man im Bitcoin-Netzwerk leicht ein Vermögen machen, allein indem man die Rechenkraft bereitstellte, um andere Transaktionen zu verifizieren. Als Belohnung erhalten diese „Miner“ Bitcoins ausgezahlt. Küfner verstand schnell, dass der Deal Strom gegen Bitcoins ein guter war.

Er ließ eine Starkstromleitung in seinen Keller legen, kaufte leistungsstarke Prozessoren und drehte die Rechenleistung so auf, dass der Boden in der Wohnung darüber sich anfühlte, als hätte jemand eine Fußbodenheizung installiert.

Küfner hatte eine Goldmine geschaffen.

Als immer mehr Konkurrenten einstiegen und die Margen sanken, begann er seine Bitcoins in andere Kryptowährungen zu stecken. Litecoin oder Dash heißen die, funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip wie Bitcoin, sind aber für verschie denartige Anwendungen optimiert. So ist Bitcoin für den Zahlungsverkehr komplett ungeeignet, Übetwei sungen dauern zu lange, die Gebühren sind viel zu hoch. Litecoin ist dagegen genau dafür konzipiert.

Küfner handelte mit seinen Kryptowährungen, über 80 000 Trades hat er im vergangenen Jahr gemacht, sie sind alle ordentlich aufgelistet in einer Tabelle für seinen Steuerberater.

Um Preisunterschiede zwischen den Börsen schnell auszunutzen, ließ er die Websites automatisiert via Software abtasten. An hochvolatilen Tagen könne man so in einigen Stunden leicht 100 000 Euro und mehr machen, sagt Küfner. Das große Geld verdiene aber nur noch, wer früh auf das nächste große Ding setze, die nächste Infrastrukturtechnologie, die wieder alles ändere.

So wie damals, Anfang 2014, als er sein Kapital vertausendfachte.

Auf einem Szenetreffen erzählte ein hochgewachsener Brite mit graublonden Haaren Küfner von einer ganz neuen Blockchain-Technologie. Nicht unähnlich Bitcoin, aber doch so anders, dass sie zugleich als eine Art Betriebssystem für dezentrale Apps tauge. Ein dezentrales Uber oder Airbnb könnte darüber zum Beispiel laufen.

Küfner stieg ein, kaufte Zehntausende Coins zum Stückpreis von 30 Cent. Heute ist einer allein 304 Dollar wert.

Der Programmierer der Blase Gavin Wood heißt der Brite, dem Küfner etliche Millionen verdankt. Der Deutsche nennt ihn den Kryptopaten. Wenn man nach einem Verantwortlichen für die Krypto blase sucht, wäre er der Favorit.

Wood trägt schwarze Stiefel und Lederjacke über olivgrünem T-Shirt,  sitzt in einem Fair-Trade-Café in Kreuzberg, trinkt Leitungswasser und erklärt mit sanfter Stimme, wie es dazu kam. Der Brite gehört zu den Gründern von Ethereum, die nach Bitcoin wichtigste Kryptowährung. Die Marktkapitalisierung liegt inzwischen bei 29,2 Milliarden Dollar. BP,  Microsoft oder UBS gehören dem Industriekonsortium an. Selbst die Großbank J.P. Morgan ist dabei, obwohl ihr Boss Jamie Dimon Bitcoin für Betrug hält.

In Kreuzberg und einem Strandhaus in Florida, wo die Community Partys mit goldbesprühten Tänzerinnen schmiss, programmierte Wood sein neues Geld. Genutzt wird die Technologie vor allem, um in wenigen Minuten neue Kryptoanleihen auszugeben, neue Coins. Wood schuf die Infrastruktur, die es Start-ups ermöglichte, sich im Handumdrehen Finanzspritzen zu setzen, ganz ohne klassische Risikokapitalgeber. Als Initial Coin Offering (kurz: ICO) wird die Erstausgabe von Coins in der Szene bezeichnet.

Sie sind die Schaufeln für den Goldrausch. Zunächst sammelten Gründer mithilfe von Woods Erfindung Hunderttausende Dollar für ihre Vorhaben ein, dann Millionen, jetzt sind es immer öfter über hundert Millionen. Binnen Stunden werden mitunter höhere Summen bewegt als bei einem über Monate vorbereiteten Börsengang.

Und für jeden dieser Deals wird Ethereum benötigt. Kein Wunder also, dass Nachfrage und Preis explodieren.

Mit der Finanzierung von Startups über Ethereum gebe es erstmals einen praktischen Nutzen für die  Kryptowährungenjenseits des Drogenhandels, sagt Wood. Das zieht Investoren an. Auch andere Kryptowährungen werden von der Spekulationswelle mit nach oben gespült. Die fiebrigen Kurven ziehen immer neue Spekulanten an, die auf hohe Gewinne hoffen, bevor die Kurse zusammenkrachen.

So heizt sich der Markt immer schneller auf. Selbst Starlet Paris Hilton wirbt schon für neue Coins. Abgesahnt wird von den Insidern. Die Coins werden meist zuerst in privaten Runden ausgegeben, wo Szenekenner wie Küfner Rabatte von bis zu 60 Prozent erhalten. Sie sollen den Hype anstacheln.

Bitcoin-Börsen lassen sich Hunderttausende Dollar dafür zahlen, auch Coins zu listen, die von dubiosen Teams ausgegeben werden. Wer vorher weiß, welche Coins dazukommen, kann reich werden. Ein Kurssprung um einige Hundert Prozent ist dann so gut wie sicher. „Hardcore-Insider-Trading ist Alltag“, sagt Küfner. Der Handel ist komplett unreguliert.

Das Geschäft ist so verlockend, dass inzwischen selbst altehrwürdige Venture-Firmen mit den KryptoNerds konkurrieren. Sequoia Capital, einer der Ersten, der in Apple, Oracle und Google investierte, hat ICOS für Sich entdeckt, genauso wie Union Square Ventures, die in Twitter und Stripe investierten. Auch Berliner VCs wie BlueYard Oder Target Global mischen mit, andere – wie Project A Oder Eventures – klären in ihren Gremien gerade, 0b sie Sich an Bitcoin-Deals beteiligen können. Nicht dabei zu sein gilt schon fast als fahrlässig.

Hedgefonds steigen ein Knapp 70 Kryptohedgefonds gibt es bereits, wöchentlich kommen neue dazu. Einige Sind Kunden von Wood. Sein neues Start-up entwickelt Blockchain-Technologien und berät nebenbei eine Reihe von Fonds, wie man die vielversprechenden Projekte vom Kryptoschrott trennt.

Wood bestreitet nicht, dass Sich in dem Segment eine Blase gebildet hat, die Spekulation sei „zügellos“. Doch der Markt werde Sich schon selbst regulieren. Researchanbieter würden die guten Coins von den schlechten separieren, so wie Aschenputtel im Märchen.

0b die Bitcoin-Erzählung ein ähnliches Happy End hat? Kryptopate Wood vergleicht die Entwicklung mit der des Internets im Jahr 1995. „Viele Projekte und Unternehmen werden sterben, die Technologie wird bleiben.“

Seine Logik: Überzeugende Businessmodelle wie das von Amazon und Google haben die Blase damals überlebt. Wieso sollte es diesmal anders laufen?

So denken fast alle in der Kryptoszene — und halten fest an ihren Coins. Die Wette laute jetzt, früh auf die digitale Infrastruktur von morgen zu setzen, auf das nächste, das dezentrale Google, sagt Küfner.

Mit ein paar Klicks könne er in Sekunden Bitcoin in Höhe von mehreren Millionen Euro auf sein Girokonto laden, aber der Euro sei ihm „viel zu unsicher“. Inflation und so.

85 Prozent seiner Assets hält er deshalb weiter in Kryptowährungen. Die Zugangscodes verwahrt Küfner ganz analog in Bankschließfächern. Handgeschriebene BuchstabenkoIonnen sind der Schlüssel zu seinem digitalen Reichtum.

Küfner sagt, er traue den Druckern nicht. Könnte ja sein, dass die Daten von Hackern abgefangen werden. In der Szene gehört es zum Alltag, dass Millionensummen von Hackern abgezweigt werden. Eine andere Art der Geldentwertung.

Die viel größere Gefahr für die Investoren ist dagegen, dass sie den Absprung nicht rechtzeitig schaffen und von den Spekulanten kalt erwischt werden. Oder dass die Zukunft des Internets nur halb so dezentral Wird, wie sie sich das ausmalen. Die holländische Tulpenmanie des 17. Jahrhunderts lässt grüßen, die EZB warnt bereits. Und selbst wenn die Entwicklung in die erhoffte Richtung geht, kann es immer noch passieren, dass Investoren auf die falschen Coins setzen. Auf das neue MySpace etwa, bevor das nächste Facebook kommt.

Ein 21-jähriger Nerd namens Dominik Schiener hat sich zum Ziel gesetzt, die Blockchain-Technologie schon wieder zu disrupten. Schiener, ein dürrer Typ mit flaumigem Bart und schwarzer Brille, führt von zu Hause aus bereits ein Einhorn. Und er hat in seiner Wohnung in BerlinMitte mehr Internetmillionäre geschaffen als es irgendein Börsengang in der Hauptstadt vermocht hat, vermutlich sogar mehr als die IPOs von Rocket Internet, Zalando oder Delivery Hero zusammengerechnet.

Für gerade mal 500 000 Dollar hat er vor zwei Jahren Coins ausgegeben, um sein Start-up zu finanzieren. Inzwischen sind sie knapp 1,5 Milliarden Dollar wert. Die rund 500 Leute, die damals investierten, hat die Blase zu Multimillionären gemacht, vorausgesetzt, sie haben ihre Coins gehalten. Selbstverständlich sind auch Küfner und Reike „hart investiert“.

IOTA nennt sich das Protokoll, das Schiener geschaffen hat. Es ist besonders geeignet für sehr hohe Transaktionsvolumen. Das könnte irgendwann vielleicht zum Standard für die Bezahlung des Ladestroms von Elektroautos werden. Ein Pilotprojekt mit Volkswagen und Innogy gibt es bereits, auch mit anderen

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