Thyssen gegen Krupp

Am Abend fährt er erneut nach Düsseldorf. Neu dabei in der Staatskanzlei ist jetzt Thyssen-Boss Vogel, wild entschlossen, die Attacke abzuwehren. Doch Crommes Logik ist bestechend, das sieht Rau ein: Auf dem Weltmarkt entscheide Größe, zusammen würden beide Stahlkocher zur Nummer drei in Europa, immerhin.

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Essen. Johannes Rau ahnte nichts, als am Montagmorgen sein Telefon klingelte. Am Apparat war Gerhard Cromme, Chef des Stahlkonzerns Krupp in Essen. Er müsse ihn sprechen, am besten noch an diesem Tag, sagte Cromme. Der Chef der Krupp-Stiftung, Berthold Beitz, sei auch dabei.

Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war irritiert, doch er willigte ein. Um 19 Uhr an diesem 17. März 1997 kamen Rau, Cromme und Beitz in der Düsseldorfer Staatskanzlei zusammen. Gegen 21 Uhr klingelte dort erneut das Telefon. Diesmal war es der Chef von Thyssen, Dieter Vogel. Doch für ihn war Rau jetzt nicht zu sprechen.

So fing es an, das Ende der bis dahin harmoniefixierten Deutschland AG. Während die Männer noch berieten, machte draußen die Nachricht die Runde: Cromme hatte eine Allianz geschmiedet, um die viel größere und stärkere Thyssen AG zu übernehmen, notfalls auch gegen deren Willen. Monatelang hatte er die Attacke mit der US-Investmentbank Goldman Sachs und der Deutschen Bank vorbereitet, die Finanzierung von bis zu 15 Mrd. D-Mark stellten Goldman, Deutsche und Dresdner Bank.

Thyssen-Boss Vogel hatte kurz zuvor von dem Angriff erfahren, doch er brauchte einen ganzen Tag, um seine Sprache wiederzufinden. Im Vergleich zu Thyssen (39 Mrd. Mark Umsatz, solider Gewinn, bessere Kosten und Produkte) war Krupp (24 Mrd. Umsatz) ein Sanierungsfall. Als sich Vogel am Dienstagmorgen endlich sortiert hatte, wirkte er recht hilflos: Der Plan sei ihm „unbegreiflieh“, das seien „Wildwest-Manieren“.

Deutschland ist geschockt. Noch in der Frühschicht am Dienstag organisiert sich bei Thyssen und Krupp der Widerstand. Stahl-Arbeiter ziehen vor die Essener Krupp-Zentrale. Gegen Mittag traut sich Cromme vor die Menge. Eier fliegen, ein Arbeiter ruft: „Er soll hängen.“ Nur unter dem Schutz der Polizei kommt Cromme heil in sein Büro.

Am Abend fährt er erneut nach Düsseldorf. Neu dabei in der Staatskanzlei ist jetzt Thyssen-Boss Vogel, wild entschlossen, die Attacke abzuwehren. Doch Crommes Logik ist bestechend, das sieht Rau ein: Auf dem Weltmarkt entscheide Größe, zusammen würden beide Stahlkocher zur Nummer drei in Europa, immerhin. Am Morgen erklärt Rau der Presse, Krupp und Thyssen hätten vereinbart, die Grundlage für eine Fusion zu verhandeln. Und so kommt es. Cromme ist zufrieden: „Für eine solche Lösung wäre ich vor Kurzem noch nach Lourdes gepilgert.“

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