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Die Wirtschaft fürchtet Trump

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Februar 13, 2017 views697

Washington. Sie könnten ihre eigenen Klischees nicht besser verkörpern, die beiden Hoffnungsträger, die an diesem Morgen das ferne Amerika in den Schweizer Bergen vertreten. Der eine, Chef des Chemiekonzerns Dow Chemical, ein Rohstoffbaron wie er im Buche steht; Schnäuzer, knarzige Stimme, die den Saal auch ohne Mikrofon beschallen würde, immer einen wuchtigen Satz auf den Lippen. Der andere, Exbanker von Goldman Sachs, eine Wallstreet-Größe, wie man sie nicht schöner hätte besetzen können; Gelfrisur, blendend weiße Zähne, leise Stimme, eine zynische Pointe am Ende jedes Satzes. Andrew Liveris und Anthony Scaramucci heißen die beiden, sie stehen für das, was die amerikanische Wirtschaft vor langer Zeit mal großgemacht hat, und für alles, was den Leuten hier seit Kurzem große Angst macht. Beide gehören zum Beraterstab des neuen US-Präsidenten, und so sollen sie in Davos, wo sich die Mächtigen der Welt alljährlich zum Weltwirtschaftsforum treffen, leisten, woran derzeit alle anderen verzweifeln:

Understanding Trump. Meint er ernst, was er sagt? Wird die Regierungspraxis ihn zur Vernunft bringen? „Jeder, der glaubt, etwas zu wissen, hat keine Ahnung“, sagt Paul Achleitner, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, am Rande von Davos. Das könnte eine sokratische Lebensweisheit sein, es ist aber die real existierende Unsicherheit am Anfang des Schicksalsjahrs 2017.

Zu Beginn der Woche hatte Donald Trump via „Bild“-lnterview deutschen Konzernen mit Strafzöllen gedroht, sollten sie künftig nicht in Amerika produzieren. Berater Scaramucci überreicht in Davos die Beruhigungspille: „Donald Trump ist nicht gegen freien Handel. Er ist nur gegen unfairen Handel. Er will den Handel wieder fair machen.“ Wenige Meter weiter, in einem anderen Sitzungssaal, sagt Liveris wortreich das Gleiche. Das aber macht den Inhalt nicht verständlicher: Geht es um freien Handel, fairen Handel für die USA, unfairen Handel für alle anderen? Oder schlicht um weniger Handel? Die Vereidigung von Donald Trump zum Präsidenten der größten Welt- und Wirtschaftsmacht geht mit einem Wortbruch gegenüber einem über Jahrzehnte währenden Einverständnis der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen einher. Dieser 45. Präsident der Vereinigten Staaten ist angetreten, einige Dinge sehr grundlegend zu verändern. Trump baut an einer neuen Realität des „America first“. Einer Realität ohne internationale Umgangsnormen, ohne störende ökonomische Fakten. Vor allem aber ohne möglichst umfassende Freihandelsabkommen. Erste Partner hat Trump schon gewonnen: die Briten etwa, deren Premierministerin Theresa May den bisherigen europäischen Partnern klarmacht, keinen Wert mehr auf die Teilnahme am freien Handel in einem vereinten Binnenmarkt zu legen. Aber auch nicht wenige der globalen Topmanager, von denen laut einer Umfrage der Beratungsgesellschaft PwC 44 Prozent im Freihandel mehr negative als positive Aspekte sehen. Und kaum jemand hat durch den Aufstieg der Bilateralisten so viel zu verlieren wie die deutsche Wirtschaft, der Exportweltmeister unter den Ländern dieser Welt. Nach einer Studie der UN-Welthandels und Entwicklungskonferenz summieren sich die deutschen Exporte und Importe auf 86 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, nur

Südkoreas Wirtschaft ist noch abhängiger vom Außenhandel. Die deutschen Gesamtexporte in die USA legten in den vergangenen sechs Jahren um 73 Prozent zu. 1,6 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland hängen am US-Geschäft. Gestaltet nun Donald Trump dieses Handelssystem um, dann ist das zwar nicht gleich „der Kollaps des Westens“, wie der Ökonom Joseph Stiglitz sagt, wohl aber ein Frontalangriff auf das Geschäftsmodell der deutschen Volkswirtschaft. Wir müssen draußen bleiben, wenn wir uns nicht wohl verhalten, eben besonders wörtlich. Als amerikanischer Präsident ist Trump dem amerikanischen Volk verpflichtet, nicht der Globalisierung. Insofern ist sein America first kein Protektionismus, sondern eine Selbstverständlichkeit. Was theoretisch plausibel klingt, hat praktisch tückische Folgen. Die Stärkung der heimischen Industrie soll gelingen, indem möglichst alles, was in den USA konsumiert wird, auch dort hergestellt wird. Die Außenhandelsstrategie von Trump hat, glaubt man den Strategiepapieren seines Übergangsteams, nur ein Thema: Abschottung. Importe aus China sollen mit einer hohen Strafsteuer versehen, die Freihandelsabkommen Nafta und TPP neu verhandelt werden. Und — sollte die Welthandelsorganisation (WTO) protestieren — der Austritt eingeleitet werden. Es wäre eine bittere Ironie der Geschichte: Die WTO, maßgeblich auf Drängen der Amerikaner geschaffen, wird nun von ihnen selbst demontiert.

Diese Drohung ist eine historische Rolle rückwärts in merkantilistische Zeiten. Der britische Ökonom David Ricardo hatte mit seiner Theorie der komparativen Vorteile schon gezeigt, dass freier Handel den Wohlstand aller Beteiligten steigert, als Napoleon noch voll im Saft stand. Dennoch neigen Regierungen bis heute dazu, den freien Handel einzuschränken. Vor allem für große Länder wie die USA, die mit ihrer Nachfrage die Weltmarktpreise von Gütern bewegen, ist das kurzfristig durchaus attraktiv. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von dem Versuch, den heimischen Wohlstand durch einen „Optimalzoll“ zu steigern. Dieser Zoll, so die Idee, ist gerade so hoch, dass er inländische Produzenten schützt und der Staat die heimischen Konsumenten durch die Zolleinnahmen für die höheren Preise der Importe entschädigen kann. Doch die Idee, sich aufKosten des Auslands zu bereichern, funktioniert nur, wenn die anderen Länder sich nicht wehren. Handelsabkommen möchte der Präsident künftig nur bilateral schließen. „Tit for tat“ oder: Zug um Zug. Die Kompetenzen dafür hat er. Der Trade Act von 1974 gibt dem US -Präsidenten die Autorität, im Alleingang Einfuhrzölle zu erheben, wenn ein Land amerikanischen Handel oder US-Rechte beschneidet. Das ist also die neue Realität der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen unter Donald Trump. Sie sickert längst in die global tätigen Unternehmen ein. US-Autobauer haben vorgemacht, wie das geht. Ford kippte vor wenigen Tagen die Pläne für Milliardeninvestitionen in ein neues Werk in Mexiko und will nun im US-Staat Michigan bauen. Der japanische Autokonzern Toyota versüßte den Bau eines neuen Werks in Mexiko mit der Zusage, in den nächsten fünf Jahren rund zehn Milliarden Dollar in den USA zu investieren. Und die deutschen Autobauer? Die beobachten und zeigen sich noch widerständig, obwohl Trump ihnen ausdrücklich mit Strafzöllen gedroht hat. BMW, so konstatierte der Konzern diese Woche, will am Werk in Mexiko festhalten, das 2019 in Betrieb gehen soll.

Geschmeidiger zeigte sich diese Woche Bayer. Konzernchef- Werner Baumann pilgerte zu Trump, um für seine Fusion mit Monsanto den Segen zu erhalten. Der Dank? Trump lobte per Twitter, dass Bayer Jobs in den USA schaffen wolle. Was sich mit Trumps Amtsantritt abzeichnet, ist nicht weniger als ein U-Turn in voller Fahrt für die deutsche Exportwirtschaft. So, als wären die Deutschen seit Dekaden Olympiasieger im Weitsprung, und dann schafft das Olympische Komitee die Disziplin ab. Man kann das sportlich nehmen. Aber irgendwann lautet die Frage: Was nun? Zwei Antworten gibt es. Die eine lautet: Allianzen schmieden, um Weitsprung wieder populär zu machen. Oder den Deal annehmen und auf Dreisprung umschulen. Die Briten haben sich offenbar für die zweite Variante entschieden.